Das Wunder von Mainz

Es ist eine echte Sensation. Aber absolut gerechtfertigt: Das Staatstheater der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt wurde zum «Opernhaus des Jahres» gekürt. Ein Resümee

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Ein Theater schreibt Geschichte. Es ist der 3. Mai anno 1789, die Sonne blinzelt vom Himmel herab, der keltische Heil- und Sonnengott Mogon, nach dem die Stadt von den Römern in der Antike benannt wurde, sendet seine Grüße, und im Schatten des Mainzer Doms ereignet sich Außerordentliches. Rund 3000 Menschen strömen in das Nationaltheater, neugierig auf ein Werk, das die meisten von ihnen (noch) nicht kennen. An diesem Abend wird Mozarts Dramma giocoso «Don Giovanni» in Deutscher Erstaufführung gezeigt, und glaubt man den Zeitgenossen, ist es ein Riesenerfolg.

Kein Geringerer als August Iffland, der große und einflussreiche Theatermann, schreibt aus Mannheim an den Schauspieler Ferdinand Ochsenheimer, und er ist voll des Lobes für den Kollegen: «Ihr habt jetzt in Mainz das beste Theater in Deutschland, das unsere ausgenommen, weil ich darauf spiele, versteht sich [...], was mich am meisten bei Euch freut, ist der so lebendig erwachte Kunstsinn; der ist mehr als alle Reform, die vom Geldkasten hervorgeht [...] nur eine fixierte Bühne, an deren Spitze ein Gekrönter steht, oder eine reiche Gemeinde, kann sich so zu ihrem Vorteil verändern.»

Noch wissen weder Iffland noch Ochsenheimer, ...

Ziemlich gute Frage: «Denn wovon lebt der Mensch?» Von Luft und Liebe gewiss nicht allein. Das wusste auch Bertolt Brecht, als er sie stellte, 1928, in jenem Stück, das er zusammen mit Kurt Weill auf die Bretter, die immer noch die Welt bedeuten, brachte und damit einen riesigen Erfolg erzielte. An diesen Erfolg knüpft nun das Staatstheater Mainz an. Es wurde mit klarem Vorsprung zum «Opernhaus des Jahres» gekürt. Und das absolut gerechtfertigt. Was Intendant Markus Müller und sein Team in der Saison 2025/26 unter dem Brecht’schen Motto auf die Bühne zauberten, besaß höchste Qualität und zeigte darüber hinaus eine politische Wachsamkeit, die man nicht in jedem Musentempel antrifft. Gleich drei Stücke von jüdischen Komponisten des 20. Jahrhunderts standen auf dem Programm – Korngolds «Tote Stadt», Ullmanns «Kaiser von Atlantis» und Julia Kerrs Oper «Der Chronoplan», die in Mainz als szenische Uraufführung herauskam, dazu in einer stringenten wie klugen Inszenierung. Starke Regiehandschriften bestimmten auch den Rest der Spielzeit. Einen solch subtilen «Falstaff» hat man selten gesehen, auch die Lesart von Missy Mazzolis Filmvertonung «Breaking the Waves» stieß weit über Mainz hinaus auf sehr breite Zustimmung. Damit zurück zur Frage: Denn wovon lebt der Mensch? Unter anderem von gutem Theater. ...

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Opernwelt Jahrbuch 2026
Rubrik: Opernhaus des Jahres, Seite 6
von Jürgen Otten

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