In freiem Flug
Das Neue, Andere, Fremde hat ihn immer schon fasziniert. Und wohl kaum ein anderer Theatermacher kennt sich so gut mit der zeitgenössischen Oper aus wie er. Seit mehr als 30 Jahren inszeniert Claus Guth «neue» Bühnenwerke, und wie exzellent das gelingen kann, konnte man im Frühling an der Bayerischen Staatsoper bewundern, bei der Uraufführung von Brett Deans «Of One Blood». Guth bewies auch in diesem Fall ein feines Gespür für die Dichotomie aus Privatem und Politischem, für das Spiel zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, er entlockte den Figuren Geheimnisse, von denen sie selbst vielleicht nicht einmal etwas ahnten. Für diese psychologische Personenführung wurden zahlreiche seiner Regiearbeiten gewürdigt. Und das nicht nur in der Oper des 20. und 21. Jahrhunderts. Ohne je (allzu) spektakulär zu sein, findet Guth jene verborgenen Winkel im Innern dieser Figuren, in denen das Unbewusste wie das Unterbewusste wohnen. Wo nötig, erfindet er zudem Geschichten, die es im Libretto gar nicht gibt, wie in Jean-Marie Leclairs Oper «Scylla et Glaucis», die am Opernhaus Zürich herauskam, oder wie in Mozarts Geniestreich «Mitridate, re di Ponto» in Frankfurt. Für all dies wurde er zum «Regisseur des Jahres» gekürt. ...
Da standen sie also nun, aufgereiht wie eine Perlenschnur, an der Rampe des Münchner Nationaltheaters, die Protagonistinnen und Protagonisten der Produktion, die einen gelöst lächelnd, andere, von aller Last befreit, sogar mit breitem Strahlen im Gesicht, und empfingen die Ovationen des Publikums, mehr als eine Viertelstunde lang.
Etwa in der Mitte, umgeben von all seinen Kombattantinnen und Kombattanten – Komponist, Librettistin, Dirigent, Bühnenbildner, Kostümbildnerin, Dramaturgin und natürlich den beiden verfeindeten, nun aber glücklich vereinigten Königinnen (von denen eine auf wundersame Weise wieder ins Leben zurückgekehrt war, kurz nachdem man sie enthauptet hatte) – erblickte man den «König». Und wenn der Eindruck nicht täuschte, genoss auch er den lang anhaltenden, vielleicht unerwarteten Jubel in vollen Zügen. Ja, es war ein Triumph für Claus Guth und sein Team, diese Uraufführung der Oper «Of One Blood» im ersten Drittel des Wonnemonats Mai. Und vielleicht kamen dem begnadeten, dialektisch geschulten Regisseur just in diesem Moment jene weisen Verse aus Schillers Trauerspiel «Maria Stuart» in den Sinn, die Elisabeth, Englands unglückliche Herrscherin, in einer stillen ...
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Opernwelt Jahrbuch 2026
Rubrik: Regisseur des Jahres, Seite 40
von Jürgen Otten
Ein Theater schreibt Geschichte. Es ist der 3. Mai anno 1789, die Sonne blinzelt vom Himmel herab, der keltische Heil- und Sonnengott Mogon, nach dem die Stadt von den Römern in der Antike benannt wurde, sendet seine Grüße, und im Schatten des Mainzer Doms ereignet sich Außerordentliches. Rund 3000 Menschen strömen in das Nationaltheater, neugierig auf ein Werk,...
«Verrückt und tiefgründig zugleich war das Projekt zweier Mittzwanziger, die sich 1959 in Wien trafen und schon nach wenigen Wochen mit einem fieberhaft vorange triebenen Werk einen opernhaft-phantastischen Coup landen wollten, in einem durch die ‹Literaturoper› zäh dominierten Umfeld: der hochbegabte Karajan-Assistent Peter Ronnefeld und der gerade als Dramaturg...
Das Gelingen einer Opernproduktion hängt von Vielem ab: von einem klugen Dirigat, gesunden Stimmen und natürlich von einer tragfähigen Regieidee. Doch weil jede Idee nur so gut ist wie ihre Umsetzung, braucht es unbedingt auch Fachleute für das Kostümbild, die ihr Handwerk verstehen. Erst wenn all diese Rädchen ineinandergreifen, entstehen jene magischen Momente,...
