«Das Werk ist immer klüger als sein Autor»

Seitdem es den Begriff des «Regietheaters» gibt, steht er mehr oder minder in der Kritik. Aber was meint diese Tautologie eigentlich? Welche falschen und richtigen Erwartungen verbinden sich damit? Ein Podiumsgespräch mit den Regisseurinnen Tatjana Gürbaca und Ilaria Lanzino, dem regieführenden Dramaturgen Sergio Morabito und dem Dramaturgen Malte Ubenauf

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Allein der Begriff «Regietheater» ist im Grunde eine Tautologie: Ein Theater ohne Regie gibt es nicht, irgendjemand ist immer da, der entscheidet, was auf der Bühne stattfindet und wie es stattfindet. Dennoch steht insbesondere das deutschsprachige «Regietheater» seit längerem in der Kritik. Das Wort «Werktreue», weit dehnbarer, als es zunächst den Anscheint macht, wabert durch die Gelehrtenrepublik, so als gäbe es eine ästhetisch-moralische Instanz, die darüber befinden darf, ob der «Geist» und das «Wesen» einer Oper getroffen sei. Doch genau darin liegt der tiefere Sinn von Regietheater – in einer seriösen Deutung, die nach eingehender Lektüre eines Werks mit theatralischen Mitteln versucht, sowohl den Charakter, als auch die Bedeutung und Relevanz dieses Werks für das Heute in Augenschein zu nehmen. Eine Wahrheit gibt es auch auf dem Theater nicht. Aber es gibt die Chance, nach ihr zu suchen. Genau deshalb gibt es immer wieder neue Inszenierungen, die, so sie ernstgemeint sind, den Versuch unternehmen, dem Geheimnis, das in dem unmöglichen Kunstwerk Oper wohnt, auf die Spur zu kommen. Das Publikum aber soll durch die Phantasie der Regisseure beglückt werden.

Meine Damen und Herren, ein Gespenst geht um in Europa. Doch es ist, horribile dictu, nicht der Kommunismus. Es ist das von konservativen Kreisen stark kritisierte Regietheater. Ist dieses Gespenst in Zeiten der allgemeinen Restauration als ästhetisches Korrektiv vielleicht sogar wichtiger als je zuvor?
Tatjana Gürbaca: Zunächst ist ja schon der Begriff «Regietheater» eigentlich eine Tautologie. Theater ohne Regie gibt es nicht. Irgendetwas findet auf der Bühne statt, und irgendjemand entscheidet, was da stattfindet.

Ich glaube, dass viele Zuschauerinnen und Zuschauer denken, dass die Tradition, also der Glaube daran, zu wissen, wie Stücke gespielt werden, auch dem entspricht, was eigentlich in den Noten steht. Aber das stimmt oft gar nicht. Dementsprechend begreife ich meine Aufgabe als Regisseurin so, dass ich versuche, den Text einfach noch einmal genau zu lesen – vielleicht auch abseits dessen, was die Aufführungstradition einem alles hinhält.

Ilaria Lanzino: Ich glaube, es ist anmaßend, dass jemand denken kann, er wüsste, was wirklich mit einem Stück gemeint war, als es entstanden ist. Deswegen ist diese Dialektik frei nach dem Motto «So war das, aber so ist es nicht gemeint» ...

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Opernwelt Jahrbuch 2026
Rubrik: Regietheater, Seite 144
von Jürgen Otten

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