Das Salz in ihrer Suppe

Versuche über Verdis «Falstaff»: blitzgescheit und bitterböse in Bielefeld, variabel und wirbelwindig in Wiesbaden

Opernwelt - Logo

Er konnte auch anders. Und, kaum zu glauben, manchmal entdeckte Theodor W. Adorno, großer (Lehr-)Meister der dialektischen Verschachtelung, in sich den Literaten. So beispielsweise in jenem Aufsatz aus den «Moments musicaux» von 1934, der später Eingang in Adornos Beethoven-Buch fand. «Die Reife der Spätwerke bedeutender Künstler», lesen wir da leicht amüsiert (und selbstredend mit gebotener Ehrfurcht), «gleicht nicht der von Früchten.

Sie sind gemeinhin nicht rund, sondern durchfurcht, gar zerrissen; sie pflegen der Süße zu entraten und weigern sich herb, stachlig dem bloßen Schmecken; es fehlt ihnen all jene Harmonie, welche die klassizistische Ästhetik vom Kunstwerk zu fordern gewohnt ist, und von Geschichte zeigen sie mehr die Spur als von Wachstum».

Adorno bezweifelte, dass dies ein stichhaltiges Indiz für eine «rücksichtslos sich bekundende Subjektivität» und eine «Persönlichkeit» sei, die um des Ausdrucks ihrer selbst willen das Rund der Form durchbreche; damit, so sein schlüssiges Argument, werde das Spätwerk «an den Rand von Kunst verwiesen und dem Dokument angenähert». Schaut man sich die letzten (Bühnen-)Werke anderer großer Komponisten an, wird klar, wie grundsätzlich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Palimpsest

Warum spuckst du mich an?», fragt Richard die aufgebrachte Anne, die Witwe des Prinzen Edward, den er auf dem Gewissen hat. Von ihrem Speichel getroffen, hat sich zuerst der Tänzer Richard zusammen -gekrümmt, der dessen Körper darstellt. Dann der Sänger, der wohl seine Seele verkörpert. Und zuletzt reagiert eben der Schauspieler, das Sprachrohr seines Intellekts....

Fiebertraum

Für seine Vermessung der Hölle diente Galileo Galilei die in der «Göttlichen Komödie» geschilderte Reise Dantes in die Unterwelt mit Vergil als Vorlage. Vorausgeeilt war ihnen der mythische Sänger Orpheus aus Thrakien, mit dem erklärten Ziel, die allzu früh verstorbene geliebte Gattin Euridice zu befreien. 20 Jahre nach Galileis Kartografie kombinierten Claudio...

Gemeinsam einsam

Er ist einer, der die Welt der Kunstmusik gern auf den Kopf stellt. Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas tut das immer wieder – immer wieder überraschend und immer wieder fruchtbar. Als im Jahre 2000 die FPÖ in die Regierung des ÖVP-Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel eintrat, komponierte er das mittlerweile legendäre Ensemblestück «In vain», das über...