Das Montagsunwohlgefühl
In den vergangenen Monaten musste ich häufiger an Antonio denken. An die Worte, mit denen jenes Stück beginnt, das ihn zur Titelfigur krönt, dessen wichtigster Protagonist aber nicht der «Kaufmann von Venedig» ist, sondern sein Gegenspieler Shylock. «Ich weiß wirklich nicht, was mich so traurig macht», sagt Antonio im Gespräch mit seinen Freunden Salerio und Solanio (in der kongenialen Übersetzung von Erich Fried), «ich bin es müd, ihr seid es auch müd. Doch wie’s mich fing, wie ich’s fing oder fand, aus welchem Stoff das ist, woraus geboren, muss ich noch finden.
Und diese Traurigkeit macht mich so geistlos, dass ich mich kaum noch selbst erkennen kann». Bei jedem dieser Sätze muss ich, und da spreche ich gewiss für viele Menschen, die im Kulturbetrieb arbeiten, heftig mit dem Kopf nicken. Nur beim allerersten Satz der Replik nicht. Denn im Gegensatz zu Antonio weiß ich sehr wohl, was mich traurig macht.
Es sind vor allem die Erinnerungen. «Montagswohlgefühle» nenne ich sie im Stillen. Jeden Montag stand ich, meist mit einem Kaffeebecher in der Hand, um viertel vor zehn im Foyer der «Hanns Eisler»-Hochschule und wartete minutenlang auf den Fahrstuhl. Fünf Stockwerke steuert die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2021
Rubrik: Focus Spezial, Seite 21
von Jürgen Otten
Bei der Lektüre von Patrick Grahls klugem Booklet-Beitrag zum vorliegenden Liedalbum könnte man auch an Moritz von Schwinds berühmte Zeichnung «Ein Schubert-Abend bei Josef von Spaun» denken: Franz Schubert am Klavier, links neben ihm der Hofopernbariton Johann Michael Vogl, um sie gedrängt die Freunde. Grahl geht es freilich um Mendelssohn; er bezieht sich im...
Es gibt einen Meyerbeer vor Meyerbeer. Ehe der Berliner Bankiersspross 1831 in Paris mit «Robert le Diable» ins Metropolen-Rampenlicht trat und danach mit «Les Huguenots», «Le prophète» und «Vasco da Gama» bahnbrechende Grands Opéras schrieb, entstanden zwischen 1817 und 1824 in Italien Werke, die sich erkennbar der dortigen Operntradition verschrieben und doch...
Die «grauenvolle Stille», welche Florestan im finstersten Winkel des Staatsgefängnisses von Sevilla umfängt, ist so beredt wie eine Generalpause in einer Symphonie von Anton Bruckner. Die Assoziationsmaschine seines Gehirns läuft auf Hochtouren. Er denkt zurück an des Lebens Frühlingstage und antizipiert zugleich hellere Zeiten, imaginiert «sanft säuselnde Luft»,...
