Das Montagsunwohlgefühl

Die Normalität ist ausgesetzt. Seit knapp einem Jahr müssen Studierende der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler vorwiegend mit Online-Unterricht vorliebnehmen. Und so langsam werden sie müde, traurig und wütend. Eine Chronik der wachsenden Tristesse

Opernwelt - Logo

In den vergangenen Monaten musste ich häufiger an Antonio denken. An die Worte, mit denen jenes Stück beginnt, das ihn zur Titelfigur krönt, dessen wichtigster Protagonist aber nicht der «Kaufmann von Venedig» ist, sondern sein Gegenspieler Shylock. «Ich weiß wirklich nicht, was mich so traurig macht», sagt Antonio im Gespräch mit seinen Freunden Salerio und Solanio (in der kongenialen Übersetzung von Erich Fried), «ich bin es müd, ihr seid es auch müd. Doch wie’s mich fing, wie ich’s fing oder fand, aus welchem Stoff das ist, woraus geboren, muss ich noch finden.

Und diese Traurigkeit macht mich so geistlos, dass ich mich kaum noch selbst erkennen kann». Bei jedem dieser Sätze muss ich, und da spreche ich gewiss für viele Menschen, die im Kulturbetrieb arbeiten, heftig mit dem Kopf nicken. Nur beim allerersten Satz der Replik nicht. Denn im Gegensatz zu Antonio weiß ich sehr wohl, was mich traurig macht.

Es sind vor allem die Erinnerungen. «Montagswohlgefühle» nenne ich sie im Stillen. Jeden Montag stand ich, meist mit einem Kaffeebecher in der Hand, um viertel vor zehn im Foyer der «Hanns Eisler»-Hochschule und wartete minutenlang auf den Fahrstuhl. Fünf Stockwerke steuert die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2021
Rubrik: Focus Spezial, Seite 21
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Zurück zu den Wurzeln

Die Sache ist ein bisschen kompliziert, wie meistens, wenn es um die Liebe geht. Auf jeden Fall endet es damit, dass sie sich einen One-Night-Stand sucht und einfach mit irgendwem ins Bett geht. Uff, seufzt da Bryan Benner, Sänger der Erlkings – weil es halt immer irgendwie «the same old story» ist beziehungsweise «eine alte Geschichte», wie es in Robert Schumanns...

Multiple Schönheiten

Das in der Oper über Jahrhunderte fruchtbar bestellte Konfliktfeld zwischen privater Passion und politischer Pflicht war schon zu Lebzeiten Antonio Salieris ein altes Lied. Er besang es neu, indem er sich, wie bereits Lully oder Händel vor ihm, Torquato Tassos «Gerusalemme liberata» vornahm. Marco Coltellini, Geburtshelfer der Opernreform von Salieris Mentor...

Apollinisch

Als «hübsche Liederchen», die ihn hin und wieder zu einem Besuch der Dresdner Oper verlockten, soll der Leipziger Thomaskantor Bach die Arien seines Kollegen Johann Adolf Hasse bezeichnet haben. Diese Anekdote kommt einem in den Sinn, wenn man «Enea in Caonia» hört. In der Tat ist es vor allem die vokale Eleganz des galanten dolce stil novo, die diese 1727 aus...