Das Menetekel
Am Anfang das (stumme) Rauschen des Wassers, in Form eines von Céline Baril auf die sandfarbenen Mauern von Babylon projizierten Videos. Am Ende das leise Gebet zum Schein der Kerzen, ein vielstimmiges «Amen». Dazwischen: die Hölle auf Erden. Händels «Belshazzar» in der Halle E des Wiener Museumsquartiers ist nichts für Kulinariker, die in barockoratorischen Klangwellen und biblischer Allegorie baden wollen.
Es ist ein Abend über die finstersten Abgründe des Menschen, über das Böse, das sich metastasenhaft ausbreitet, über ökonomische und humane Grenzerfahrungen, den Kampf um Ressourcen (Wasser!), über Ausbeutung, Terror und Gewalt, über Gott (und seine Abwesenheit), über die Krise unseres Jahrhunderts, kurzum: ein Abend der totalen Überschreitungen. Man wundert sich kaum, dass dies nach dem Verhauchen des A-Dur-Schlussakkords nicht die uneingeschränkte Zustimmung des Publikums erfährt. Dafür ist das alles viel zu heftig – ein «virtuelles Universum außer Kontrolle», wie es die Dramaturgin Leyli Daryoush mit flammenden Worten im Programmheft skizziert.
Allein, der Stoff gibt eine solch schroffe, historisch untermauerte, genuin fatalistische Deutung her. Händels bibliophiler ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Leise rieselt der Schnee. Unablässig, dichter und dichter werdend, eine Stunde lang. Die Figuren müssen sich in dieser Winterlandschaft vorkommen wie der brave Hans Castorp aus Thomas Manns «Zauberberg», der sich bei einem Ausflug ins Gebirg’ zusehends verirrt und von den Schneemassen fast zugeschüttet wird. Eine Grenzerfahrung birgt auch Romeo Castelluccis...
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