Das Menetekel
Am Anfang das (stumme) Rauschen des Wassers, in Form eines von Céline Baril auf die sandfarbenen Mauern von Babylon projizierten Videos. Am Ende das leise Gebet zum Schein der Kerzen, ein vielstimmiges «Amen». Dazwischen: die Hölle auf Erden. Händels «Belshazzar» in der Halle E des Wiener Museumsquartiers ist nichts für Kulinariker, die in barockoratorischen Klangwellen und biblischer Allegorie baden wollen.
Es ist ein Abend über die finstersten Abgründe des Menschen, über das Böse, das sich metastasenhaft ausbreitet, über ökonomische und humane Grenzerfahrungen, den Kampf um Ressourcen (Wasser!), über Ausbeutung, Terror und Gewalt, über Gott (und seine Abwesenheit), über die Krise unseres Jahrhunderts, kurzum: ein Abend der totalen Überschreitungen. Man wundert sich kaum, dass dies nach dem Verhauchen des A-Dur-Schlussakkords nicht die uneingeschränkte Zustimmung des Publikums erfährt. Dafür ist das alles viel zu heftig – ein «virtuelles Universum außer Kontrolle», wie es die Dramaturgin Leyli Daryoush mit flammenden Worten im Programmheft skizziert.
Allein, der Stoff gibt eine solch schroffe, historisch untermauerte, genuin fatalistische Deutung her. Händels bibliophiler ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Francis Poulencs vierzigminütiger Monolog «La voix humaine» ist eine Tour de force für eine Sopranistin. Auf der Szene dieser 1959 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführten dritten und letzten Oper des großen französischen Lyrikers steht nur eine einzige Person, eine namenlose, «Elle» («Sie») genannte junge Frau. Ihr Geliebter hat sie verlassen. In einem...
Der Feind kann Russland nicht brechen», dröhnt es einem auf der Zielgerade entgegen, normalerweise jedenfalls. Und: «Wir schmettern den Feind in den Staub.» Selbst ohne tägliche «Tagesschau»-Dosis sind diese letzten Minuten schwer erträglich, Sergej Prokofjew lässt hier Chor und Orchester heiß- und leerlaufen. An der Bayerischen Staatsoper dröhnt die Stelle auch,...
Niemand kann den König spielen», lautet eine alte Theaterweisheit, das müssen die anderen tun. Sie gilt erst recht für den Hochstapler, auf der Bühne wie im wahren Leben. Also sitzt er in der Prager Staatsoper an einem Wirtshaustischlein, die Hose etwas zu hoch sitzend, aber durchaus elegant (schließlich ist er Schneider), die Füße leicht nach außen gestellt wie...
