Das Kind des Nibelungen

Nothung ist eine Pistole, Wotan der Vergewaltiger Sieglindes, Pferd Grane ein langhaariger Gigolo, und Fafner fährt Rollator. Der neue «Ring» in Bayreuth

Opernwelt

Sind Sie bei Konflikten immer direkt emotional involviert? Oder haben Sie die Fähigkeit, so schnell wie möglich Abstand zu nehmen, um sich an nüchterner Reflexion zu versuchen? Auf die Bayreuther Festspiele 2022 bezogen: Hätten Sie sich in den traditionell jeweils einstündigen Pausen der neuen «Ring»-Produktion still meditierend im angrenzenden Grünen zur inneren Einkehr zurückgezogen? Oder wären Sie Teil derjenigen Fraktion gewesen, die die Arbeit des jungen Regisseurs Valentin Schwarz in Bausch und Bogen und mit – wie geschehen – rüden Worten kommentiert?     

Oder haben Sie gar rege und dabei stilvoll diskutiert, wer beispielsweise jene beiden Embryos sein sollen, die während der von Cornelius Meister mutig, aber zu leise dirigierten Es-Dur-Wellenbewegungen des «Rheingold»-Vorspiels auf den Vorhang projiziert werden?

Wotan tritt in diesem kunstvollen Videovorspann seinem Zwilling Alberich (der im «Original» bekanntlich nicht sein Zwilling ist), zwischen die Beine, was diesen vorgeblich (trotz der späteren Zeugung Hagens, ebenfalls im «Original») impotent macht. Geschlechtsverletzungen von Mann zu Mann zwecks der späteren Verunmöglichung gängigen Geschlechtsverkehrs mit Fruchtfolge. Dafür setzt es seitens Alberichs Kratzer in das Gesicht des noch ungeborenen Wotan. Diese Kratzer trägt der erwachsene «Gott» den ganzen «Ring» über. Nur sieht man diese Spuren in Wotans sehr menschlicher Visage maximal bis zur Parkettreihe zehn. Auch die von Schwarz anlässlich der «Walküre» hinzuerfundene Trauerfeier von Wotans Tochter Freia, die den Fafner-und-Fasolt-Vorfall offenbar nicht in einer Achtsamkeitstherapie erfolgreich aufarbeiten konnte, sondern sich das Leben genommen hat, ist von einem Teil des Publikums nicht zu erfassen. Andere Details, Requisiten oder Kleinstgesten sind ebenfalls nicht oder kaum zu erkennen; beispielsweise die Stricknadel, mit der sich Sieglinde ihren hier von Wotan (nicht von Siegmund) stammenden Sohn Siegfried abtreiben will. Nur, wenn ausgiebig Smartphone-Selfies gemacht werden, ist klar, was passiert (derlei Posen sind Teil des heutigen kulturellen Gedächtnisses – und auch von Ferne in der ikonischen Peinlichkeit dieser aktuellen Kulturtechnik zu erspähen). Wir konstatieren handwerkliche Mängel. Wie schwer die wiegen? Manch einem sind sie «Beweis» genug für die «Unfähigkeit der Regie». Diskussion beendet. Oder?

Nein, man streitet dieses Jahr in Bayreuth eifrig über Verwandtschaften, Symbole und Sinnfälligkeiten. Ein «Ring» ohne göttliche Götter und mit allzu menschlichen Schwächen: ausgestellt, ausgespu(c)kt. So schlecht kann das also gar nicht sein, könnte man meinen. Dort, wo diskutiert wird, schlägt man sich nicht die Köpfe ein (wie derzeit fast überall auf Social Media; dort mit Worten – und kaum weniger verletzend). Der Diskurs, ein wertvolles Kulturgut, richtig?  Und schrieb nicht Friedrich Nietzsche in seinem «Zarathustra»: «Du mußt immer zwei- dreivier- fünfdeutig sein!»? Dem «gehorcht» Valentin Schwarz – und wirft viele Erzähldetail-Angelhaken aus. Wer ist das Kind, das in dieser Regie von Alberich aus dem Kinderfreibad des «Rheingolds» (als selbiges) entführt wird? Eine gute Idee: Alberich verbirgt sich hinter diesem Kind als (traditionell szenisch schwer umzusetzender) «Tarnhelm». Die gis-Moll-e-Moll-Changier-Klänge des entsprechenden Leitmotivs, das in hohlen «ungeschlechtlichen, unsichtbaren» Quinten H-Fis mündet, passen hier trefflich in die Szenerie. Wie in der Serie «His Dark Materials» (seit 2019) zielt man, ließe sich wohlwollend interpretierend einwerfen, auf die Noch-Nicht-Ganz-Geschlechtlichkeit, die Noch-Nicht-Verdorbenheit von Kindern ab, die in der besagten Produktion von BBC und HBO changierende Dämonen mit sich führen, welche erst mit der Pubertät in einheitlicher Tiergestalt erscheinen. Kinder als Schutzschilde: Das kennen wir auch von diversen Kriegserzählungen her. Aber: War es eine gute Idee, im Vorfeld des Ganzen medial zu verbreiten, Bayreuth würde dieses Jahr einen «Netflix-Ring» zeigen? Jede Netflix-Serie, die so viel andeutet, verspricht und am Ende kaum ein dramaturgisches Versprechen einlöst – wie Schwarz in seinem scheinwuseligen, mit ein paar Gags durchsetzten «Ring» – würde vom Publikum komplett abgelehnt, ja von Netflix erst gar nicht realisiert werden. Für Netflix-Produktionen arbeiteten jeweils mehrere Autoren in einem «Writers Room». In Bayreuth hingegen hechelt man weiterhin einer (freilich männlichen) Genieästhetik des einzig Seienden, des allein Ringenden hinterher. Wir sind ratlos. Und fragen uns einmal mehr: Wozu gibt es Dramaturgen? Dabei befinden wir uns szenisch in einer eigentlich ganz interessanten Bungalow-Anlage, mit pyramidalen Beigaben, Galerien (die nicht bespielt werden), Sesseln und Stühlen (die unfreiwillig kaputtgehen), Kasperletheatern – und einer Garage, in welche die Riesen Fafner und Fasolt mit einem Kombi einfahren (Bühne: Andrea Cozzi).  Transzendenz, Traum, Fantasie, dramaturgische Schlangenlinien: All das können durchaus Mittel modernen Erzählens sein. Aber noch die wirrste Serie führt irgendwann alles zu einem großen (und hoffentlich beeindruckend stimmigen) Ganzen zusammen. Das geschieht in Bayreuth heuer nicht. Die intentionale Nicht-Befriedigung erzählerisch versprochener Bedürfnisse selbst wäre wiederum ein dramaturgisches Mittel (David Lynch: »Mulholland Drive»), dessen Handhabung aber nicht jedem gegeben ist. Und denkt man an die größte Erzählung unserer Zeit, Vince Gilligans AMC-Serie «Breaking Bad», hätte die Kinderentführungs-Idee von Schwarz zu Beginn durchaus punkten können. Auch in «Breaking Bad» spielen Kinder hintergründig die Hauptrolle; und so tut der «Ring»-Protagonist vermeintlich «alles nur für die Familie» (die gerade um ein Kind größer geworden ist), bis er am Ende eingesteht: «Ich tat es für mich. Ich mochte es.»  Entscheidende moralische Dilemmata entstehen in Walter White und Co. entlang der Frage, ob man selbst als schlimmster Ganove Kinder entweder erschießen respektive vergiften oder als Drogenkurier missbrauchen darf. Doch die Tragweite, den großen Bogen, die immersive Faszination einer epischen Geschichte: All das sucht man bei Valentin Schwarz vergebens. Denn da ist noch die «durchlaufende» Partitur Wagners, deren leitmotivische Ereignisse beispielsweise gestisch umgesetzt werden wollen (und sei es im Video). Werden sie bei Schwarz nicht. Oder zu kleinteilig und völlig wirr.  Das «Rheingold» misslingt auch musikalisch. In der «Walküre» glänzt Lise Davidsen als Sieglinde. Ihren Text versteht man trotzdem nicht. Das Bayreuther Publikum und die Institution selbst haben sich anscheinend darauf geeinigt, dass die Handlung und die Hintergründe schlichtweg bekannt sind. Übertitel will man nicht. Und doch atmet das Publikum fast hörbar auf, wenn Spontan-Wotan-Einspringer Michael Kupfer-Radecky eine fantastische Textverständlichkeitsperformance bei lyrisch schöner wie heldischer Stimmdurchdringung abliefert. Er hat eine Chance als zukünftiger Wotan erster Wahl verdient. (Der Ur-Wotan Tomasz Konieczny hatte sich im zweiten «Walküre»-Aufzug den Rücken geprellt, als ein eigentlich sündhaft kostspieliger Stuhl entzweibrach). Kupfer-Radecky, der in der «Götterdämmerung» einen großartig spielfreudigen, wahnwitzig lustigen Langhaar-Gunther gibt, befand sie zu diesem Zeitpunkt noch in seiner Pension in Eckersdorf, in Vorfreude auf ein entspannendes Badeerlebnis. Den Text versteht man nur bei ihm sowie bei Georg Zeppenfelds Hunding und bei Klaus Florian Vogts Siegmund. Für das «Regie-Konzept» von Schwarz ist das von Vorteil: Man hat keine Chance auf den Nachvollzug des Librettos – oder gar auf den «Vergleich» des Gesungenen mit dem Gezeigten. Also dämmert man einverständig dahin, wartet auf den jeweiligen Rausch an diversen Aufzugsenden, um sich dann völlig überwältigt zu zeigen, die Sängerinnen und Sänger zu feiern und in Richtung Regie «Buh!» zu brüllen. «Sag mir, wie es schon immer war!» Willkommen bei Wagner.  Von der Partiturrealisation her war der diesjährige (neue) «Ring» nicht ganz schlecht, wenn auch Andreas Schager als «Siegfried»-Siegfried meist fortissimo singt. Daniel Kirchs Loge wirkt etwas flach und aufgesagt; trotz eines charakteristischen Outfits, das dem eines etwas unseriösen Charlottenburger Goldhändlers der 1980er-Jahre ähnelt; Elisabeth Teige als Freia surrt und sirrt sich durch ihre Partie, Arnold Bezuyen überzeichnet seinen Mime krächzend wie fast alle Interpreten dieser Rolle, Olafur Sigurdarsons Alberich gerät expressiv, aber textlich undeutlich. Ebenso unverständlich, aber auch nicht schriller als andere: Iréne Theorin als Brünnhilde, die jedoch in der «Götterdämmerung» sehr stark abbaut. Wie verantwortungslos kann eine Agentur sein, jemanden in dieser Jetzt-Verfassung diese Rolle in Bayreuth zuzumuten? Der am Tag der Premiere der «Götterdämmerung» für den erkrankten Stephen Gould eingeflogene Clay Hilley stemmt sich gellend gegen die Aufführungsumstände, kann aber wenig retten. Tomasz Koniecznys Wotan klingt (in der «Walküre» bis einschließlich zweitem Aufzug und im «Siegfried») kehlig-höhlig, eintönig und textlich ebenso undeutlich. Alexandra Steiner als Waldvogel überzeugt dagegen schauspielerisch und sängerisch in jeder Hinsicht. Ihre schöne Partie wird nicht einfach mädchenhaft weggeflötet, sondern mit Expression und kluger Weiblichkeit ausgefüllt. Hier überzeugt sogar die Regie, bereitet der Waldvogel – wenn man so will, seicht «vorvögelnd» – Siegfried doch gewissermaßen auf die ersten richtigen erotischen Erfahrungen mit Brünnhilde vor.  Hagen ist überraschenderweise als Figur in jedem «Ring»-Teil vertreten. Zunächst als Kind, das den Glaskasten-Kindergarten-Nibelheim-Ersatz des «Rheingolds» schrottet, dann als junger Mann, der traumatisiert und gekrümmt in vielen Szenen herumsteht und als Opfer-Täter-Symbolfigur toxischer Familien manchmal leicht mit eingreift. In der «Götterdämmerung» darf dann endlich Albert Dohmen in die (auch singende) Rolle Hagens schlüpfen. Er gibt sich als nicht allzu elegischer Zerstörer, der auch ratlos wirkt ob einer Inszenierung der leeren Versprechungen und des – man muss es dann doch so sagen – intellektuellen Unvermögens, die einen «Buh»-Sturm zur Folge hat, der klingt, als hätte hier jemand provoziert. Wäre wenigstens das gelungen!  Bayreuth-Debütant Cornelius Meister, der den «Ring» aus seiner Arbeit in Stuttgart sehr gut kennt, weiß, was er tut. Das «Walküre»-Ende diktiert er noch zu sehr vor sich hin. Die sonst häufig monochromen Orchestereinschübe insbesondere des zweiten «Walküre»-Akts gelingen Meister fein, zumal in der Art forcierten Führens sowie jugendlich-frischen Nachvollzugs von Linien. Nirgendwo lastend-langweilige Stehnummern in der Musik. Ach, wäre diese Art des modernen Wagner-Dirigierens doch nur auf eine wirklich lebendige Regiearbeit getroffen – im Zusammenwirken mit wirklich frechen Ideen, die sich zu einem fesselnden Familiendrama dramaturgisch-voluminös und nicht konzeptuellscheinverspielt hätten verbinden können. Wagner: Der Ring des Nibelungen BAYREUTHER FESTSPIELE | FESTSPIELHAUS Musikalische Leitung: Cornelius Meister nszenierung: Valentin Schwarz Bühne: Andrea Cozzi Kostüme: Andy Besuch Licht: Reinhard Traub Video: Luis August Krawen Das Rheingold Premiere: 31. Juli 2022  Solisten: Egils Silins (Wotan), Raimund Nolte (Donner), Attilio Glaser (Froh), Daniel Kirch (Loge), Christa Mayer (Fricka), Elisabeth Teige (Freia), Okka von der Damerau (Erda), Olafur Sigurdarson (Alberich), Arnold Bezuyen (Mime), Jens-Erik Aasbø (Fasolt), Wilhelm Schwinghammer (Fafner), Lea-ann Dunbar (Woglinde), Stephanie Houtzeel (Wellgunde), Katie Stevenson (Floßhilde) Die Walküre Premiere: 1. August 2022  Solisten: Klaus Florian Vogt (Siegmund), Georg Zeppenfeld (Hunding), Tomasz Konieczny (Wotan, 1. und 2. Aufzug), Michael Kupfer-Radecky (3. Aufzug), Lise Davidsen (Sieglinde), Iréne Theorin (Brünnhilde), Christa Meyer (Fricka/Schwertleite), Kelly God (Gerhilde), Brit-Tone Müllertz (Ortlinde), Stéphanie Müther (Waltraute), Daniela Köhler (Helmwige), Stephanie Houtzeel (Siegrune), Marie Henriette Reinhold (Grimgerde), Katie Stevenson (Rossweiße) Siegfried Premiere: 3. August 2022  Solisten: Andreas Schager (Siegfried), Arnold Bezuyen (Mime), Tomasz Konieczny (Der Wanderer), Olafur Sigurdarson (Alberich), Wilhelm Schwinghammer (Fafner), Okka von der Damerau (Erda), Daniela Köhler (Brünnhilde), Alexandra Steiner (Waldvogel) Götterdämmerung Premiere: 5. August 2022  Solisten: Clay Hilley (Siegfried), Michael Kupfer-Radecky (Gunther), Olafur Sigurdarson (Alberich), Albert Dohmen (Hagen), Iréne Theorin (Brünnhilde), Elisabeth Teige (Gutrune), Christa Mayer (Waltraute), Okka von der Damerau (1. Norn), Stéphanie Müther (2. Norn), Kelly God (3. Norn), Lea-ann Dunbar (Woglinde), Stephanie Houtzeel (Wellgunde), Katie Stevenson (Floßhilde) www.bayreuther-festspiele.de


Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Arno Lücker

Weitere Beiträge
TV, Kino, Streaming 9-10 2022

arte
11.09. - 17.25 Uhr Orff: Carmina Burana «O Fortuna! Wie der Mond so veränderlich, wächst du immer oder schwindest!»
Carl Orffs szenische Kantate «Carmina Burana» handelt von der Unbeständigkeit des Glücks und der Flüchtigkeit des Lebens. Regula Mühlemann, Michael Schade und Markus Werba sind die Solisten dieser Aufführung unter freiem Himmel auf dem Markusplatz in Venedig. Fabio...

CD des Monats: Liebesgeflüster

Der Tod schmeckt ungewöhnlich süß. Und er leuchtet in den zartesten Farben. Jedenfalls in diesem Moment, an diesem Ort. Dabei sind die Vorhänge geschlossen im Schlafgemach der Violetta Valéry. Also muss es wohl ein himmlisches Licht sein, das in den Raum hineinfällt: engelsgleich. Giuseppe Verdi hat dafür eine göttliche Musik geschrieben, ein Andante in cmoll, das entfernt an Wagners...

Vorschau und Impressum 9-10/22

Neue Wege
Lustige Überschrift: «Out of Stage» betitelt sich die diesjährige Musikbiennale Venedig. Und hat unter diesem Motto viele experimentelle Musiktheaterwerke in Auftrag gegeben. Simon Steen-Andersen, Michel van der Aa, Helena Tulve, Paolo Buonvino und Annelies Van Parys schreiben Stücke für die Lagunenstadt. Wir fahren hin

Neue Herausforderung
Viele Opernliebhaber kennen ihre...