K(l)eine Wunder

«Tristan und Isolde», inszeniert von Roland Schwab, dirigiert von Markus Poschner bei den Bayreuther Festspielen; in der Kulturbühne «Reichshof» spielen Dagmar Manzel und Sylvester Groth «Nach Tristan»

Opernwelt - Logo

Fangen wir mit dem Nachspiel an. Und das bedeutet einen Blick zurück. Es war Heiner Müller, der «Tristan» 1993 in Bayreuth aus postdramatischer Distanz betrachtet hat. Ihm gelang, woran nun Roland Schwab schönheitstrunken vorbeimarschiert: Zustände statt Umstände zu inszenieren. Zum Widerstand und Wohle der Musik. Dabei fiel ihm auf, dass sein «Quartett» nach Laclos’ Briefroman «Gefährliche Liebschaften» als Satyrspiel zu Wagners «Handlung» passen würde – vorausgesetzt natürlich, die hätte statt des Liebestodes ein Happy End. Tristan und Isolde also nach zehn Jahren Ehe.

Was damals wie flapsiges Selbstmarketing wirkte, bestand nun – ausgerechnet in Bayreuth – seinen ultimativen Praxistest. Und der ging blendend auf im alten «Reichshof»-Kino am Markplatz, einen Tag nach der «Tristan»-Premiere. Dagmar Manzel und Sylvester Groth nehmen der opulenten Lakonie von Heiner Müllers Geschlechterkampf jede Überdeutlichkeit. Sie lassen sich versprengte Sequenzen des «Tristan»-Librettos pathosfrei auf der Zunge zergehen. Nietzsche blitzt auf und Strindbergs «Totentanz», von dem Heiner Müller viel profitiert hat. 

«Nach Tristan» heißt dieses gut einstündige Pasticcio, das Regisseur Ingo Kerkhof ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Temperamentvoll

Die Begriffe «Kaleidoskop» und «Mosaik» werden vor allem in der Welt der Neuen Musik gerne gebraucht. In Berlin leisten die freien Gruppen des Solistenensembles Kaleidoskop und des Ensembles Mosaik seit vielen Jahren hervorragende, zum Teil bühnenraumsprengende Musikarbeit. Beim seitens dieser Avantgardisten favorisierten Gebrauch der beiden Termini «Kaleidoskop»...

When Grandma was a little girl

Neben New Orleans, Boston und New York kann Cincinnati auf die älteste Klassikmusiktradition in den Vereinigten Staaten verweisen. Auf deren Höhepunkt etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts hieß die Stadt auch tausende deutsche Immigranten willkommen, die aktiv mithalfen, die einmal geschaffenen kulturellen Werte zu etablieren; noch heute erinnern daran zahlreiche,...

«Das Publikum liebt es»

Herr Pappano, die neue Spielzeit der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom startet am 18. Oktober mit «Elektra». Es ist Ihre letzte Spielzeit als Musikalischer Direktor der Accademia. Warum haben Sie gerade diese Strauss-Oper für die Spielzeiteröffnung ausgesucht?
Ich hätte die «Elektra» an Covent Garden dirigieren sollen, aber wir mussten sie aufgrund der...