Paradise Lost
Das Paradies? Nun ja, auf Erden wird man es vergebens suchen, dort, wo Lebewesen ihrer Identität häufig schon beraubt sind, noch bevor sie eine solche überhaupt entdecken und entwickeln können. Menschen wie Agnès, die im unschuldigen Alter von 14 Jahren von dem reichen «Protector» als Ehefrau vereinnahmt und in einen imaginären Glaskäfig gesteckt wurde, wo sie seither als Gefangene seiner gewalttätigen Obsessionen, die nicht in einer Sekunde Empathie oder gar Zärtlichkeit verraten, und als Dienerin dieses Machos vor sich hin vegetiert.
Zu erwehren vermag sie sich eigentlich nicht – Agnès ist, obwohl ihr Intelligenz attestiert wird, Analphabetin, sie könnte die Schwester Kaspar Hausers sein. Ein Opfer, wie es im Buche steht. Und auch in der Oper. George Benjamins Einakter «Written on Skin» skizziert eine Situation des Ausgeliefertseins; hier der scheinbar unantastbare Mann, dort die zum hilflosen Objekt degradierte junge Frau. Und wenn sich der Vorhang hebt, kann man das nicht nur deutlich hören (die eisenharten Schläge, die Erik Nielsen dem Orchester «verordnet», atmen den Geist der Unbarm -herzigkeit), sondern auch sehen. Elizabeth Reiter erscheint als Schwarzwaldmädel im ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Jürgen Otten
Für eingefleischte Wagnerianer, die sich trotz winterlicher Kälte auf den Weg in die Hamburgische Staatsoper begeben hatten, wurde der 18. Januar 1998 zum Tag des Zorns. An diesem Abend trat die Sünde in die Welt, Sodom und Gomorrha gewissermaßen. Und all jene Jünger, die sich gottgleich im Besitz der Wahrheit wähnten, vereinten sich daraufhin zum erzreaktionären...
Ein tödlicher Zusammenbruch Giacomo Puccinis bei «Nessun dorma», ein ähnlich letaler Moment Carl Maria von Webers während des Jägerchors, das wären vergleichbare Geschehnisse. Wir wissen: Nichts davon ist passiert. Auch nicht der Exitus des in Ekstase geratenen Alexander Borodin während seiner berühmtesten Nummer, der «Polowetzer Tänze». Für bange Sekunden werden...
Der weise Augustinus hatte ein höchst ambivalentes Verhältnis zur Musik. Einerseits war sie ihm verwerflicher sinnlicher Genuss, eine nachgerade unsittliche tentatio, andererseits bekannte er, eben dieser Versuchung, dem verführerischen Reiz des Klingenden, in schwachen Augenblicken zuweilen zu erliegen. Blaise Pascal wiederum sah darin eine logique du cœur; für...
