Das Glück so fern

Strauss: Salome am Staatstheater Braunschweig

Opernwelt - Logo

Die gute Nachricht zuerst: Jochanaan darf seinen klugen Kopf behalten. Der Henker verschont ihn, vermutlich weil er im Urlaub ist, und die königliche Familie scheitert bei dem ohnehin auch nur halbherzigen Versuch, den Propheten zu enthaupten. Salome scheint ein gewisses Mitgefühl für den religiösen Mann zu haben, der ihr trotz mehrmaliger Bitten den Wunsch verweigert hat, sie zu küssen, Herodes und Herodias hingegen haben einfach nicht den Mumm, um eine solch grausam-gruselige Tat zu begehen.

Jenes Messer, mit dem die judäische Prinzessin eine gute Stunde zuvor den sterblich verliebten Narraboth ins Jenseits beförderte (den Mord aber wie einen Suizid aussehen ließ), erfüllt seine Funktion nicht.

Glücklich ist darüber jedoch niemand. Jochanaan nicht, weil er zwar weiterleben darf, aber seiner wesentlichsten Gabe (schlimme Wahrheiten zu verkünden) beraubt wurde; sein Mund ist mit einem Knebel zugeklebt, er selbst hockt gefesselt und gedemütigt an einer der Gerüststangen, die vorher den mondän-sterilen Bungalow (Bühne: Stephan von Wedel) an Braunschweigs Staatstheater rahmten und schaut ziemlich betrübt aus der (zwischen beiger Bluse und ockerfarbener Hose changierenden) Wäsche. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2024
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Im Wunderreich der Nacht

Seiner großen, noch dazu unerfüllten und verbotenen Liebe ein noch größeres Denkmal zu setzen, wagte Richard Wagner mit «Tristan und Isolde». Doch das Gigantische und Grenzensprengende der «Handlung in drei Aufzügen» brachte Proben und Aufführungen an den Rand des Scheiterns: Als unspielbar galt der Orchesterpart, der Dissonanzspannungen auftürmt und emanzipiert,...

Mittelwege

Anders als Schubert und Schumann hat der Liederkomponist Brahms keinen wirklichen Zyklus geschrieben, wenn man als Bedingung der Form eine lineare Dramaturgie voraussetzt. Am nächsten ist er ihr noch mit den «Romanzen aus Ludwig Tiecks Magelone» op. 33 gekommen. Die Texte der fünfzehn sukzessiv in den Jahren 1861 bis 1868 entstandenen und in fünf Einzelheften...

Naht euch dem Strande

Man stelle sich die Szene vor: eine Familienfeier im Hause Massenet, am prächtig gedeckten Tisch all seine Opern-Kinder. Zur Rechten des Komponisten sein liebster Spross, Manon, melancholisch-mild lächelnd. An ihrer Seite, wie stets in sich gekehrt, der arme Werther. Ihm gegenüber, in silbern glänzender Ritterrüstung, Don Quichotte, flankiert von zwei Zauberfrauen....