Das andere Geschlecht

Frauen werden, im wahren Leben, aber auch auf der Opernbühne, nicht selten als pure Objekte männlicher Begierden verraten, verkauft und erpresst. Es wird dringend Zeit, dass sich daran etwas ändert – da wie dort. Ein Pamphlet

Opernwelt - Logo

Es ist nur ein Blick, kurz, flüchtig, beiläufig. Man könnte ihn, wäre man für Sekunden unaufmerksam oder abgelenkt, sogar übersehen. Doch Vorsicht ist geboten. In diesem Blick steckt weit mehr als eine knappe Beobachtung; eine ganze Anschauung ist darin verborgen. Und für mein Thema überaus wichtig: Es ist der Blick einer Frau, der einer anderen Frau gilt. Und keine kann derart weltverschlingend ihre Augen in andere Menschen hinein versenken wie Charlotte Rampling, so tiefliegend und hochfahrend, so durchdringend und verführerisch-vernichtend.

Das «Opfer» einer solchen Versenkung ist im konkreten Fall die von Ludivine Sagnier gespielte Julie. Aber die weiß das noch gar nicht. Oder sie nimmt es nur gelangweilt zur Kenntnis, dass sie gerade gehäckselt wird von Ramplings stahlblauen Augen. Sagnier ist Julie in diesem Film von François Ozon aus dem Jahr 2003, eine verzogene, dabei aber irgendwie verloren wirkende Verlegertochter, die ihren wohlgeformten Körper gezielt einsetzt, um Spannung, Distanz und Begehren zu erzeugen. Sarah Morton, eine englische Krimiautorin, die von Charlotte Rampling so grandios gespielt wird, dass man schon nach fünf Minuten vergessen hat, dass Sarah Morton ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2021
Rubrik: Focus Spezial, Seite 4
von Olga Myschkina

Weitere Beiträge
Auf jeden Fall mit Überseekoffer

Sieh an: Reisen ist nicht wie Fahrradfahren. Kaum bleibt man mal drei Monate zu Hause – zum Beispiel wegen einer Pandemie – ist die Jetset-Souveränität wie weggeblasen. Plötzlich kann man in der Nacht vorm ersten Flug vor Aufregung nicht schlafen und packt für vier Tage Köln den großen Überseekoffer.

Freiberufler in der Musikbranche müssen halt dahin, wo es noch...

Die Schrankwand spielt mit

Man kann Geschichten immer wieder neu und anders erzählen. Selbst bei einer Oper, die alle zu kennen glauben, ist das möglich, in diesem Fall Gioachino Rossinis Buffa «Il barbiere di Siviglia». Für die Produktion der Norske Opera Oslo, die im November 2020 Premiere hatte, war die Regisseurin Jetske Mijnssen verantwortlich, mit der ich zuletzt bei Giovanni Legrenzis...

Ein weites Feld

Kaum hat man dieses Buch beglückt aus der Hand gelegt, kommt dem Leser jener legendäre Satz aus Theodor Fontanes Roman «Effi Briest» in den Sinn, zu dem Effis Vater stets dann greift, wenn er unangenehmen Diskussionen mit seiner Tochter entfliehen will. Dieses oder jenes sei, so der alte Briest, doch ein «weites Feld». Oswald Panagl, beinahe drei Jahrzehnte lang...