Dämonen und Zitronen

Zweimal Manfred Trojahn: Im Zürcher «Orest» setzt Hans Neuenfels auf Didaktik; in Wien kümmert sich Mascha Pörzgen vergeblich um die «Limonen aus Sizilien»

Es ist nur ein Blick. Aber er verändert alles, augenscheinlich, offenkundig, unausweichlich. Es ist der Blick einer jungen Frau, die das Tragische ablehnt, weil sie sich nach einer Zukunft sehnt, in der das Leben den Tod überwindet. Soeben hat dieser ihr die Mutter entrissen, und wieder war es Orest, der von den Furien Getriebene, durch Elektra Angestachelte, der die schlimme Tat vollbrachte und den Stahl in Helenas Leib rammte.

Nun aber schaut er Hermione, die Halbwaise, an und vernimmt ihre fragenden, klagenden Worte: «Ist das dein Traum, Orest? Und wo ist deine Trauer um diesen Traum? Orest, sieh mich an. Kannst du mich ansehen?»

Das Ende der fünften Szene in Manfred Trojahns «Orest» ist die Peripetie, stückimmanenter Umschlag vom Katastrophischen ins Utopische; er ermöglicht die Wende. Hermiones Blick verwandelt den Sohn der Klytämnestra und des Agamemnon in jenes Subjekt, das nach Freiheit zumindest dürsten darf, und es ist wirklich berückend, wie Georg Nigl, jener Zertrümmerte im knittrig-weißen Anzug (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer), neben sich die Leiche Helenas, seine glasig gewordenen Augen auf Claire de Sévigné heftet, und wie sie ihrerseits, ebenfalls auf dem Boden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Feuerwerk und Seelenruh

Als der griechische Countertenor Aris Christofellis vor drei Jahrzehnten eine «Hommage à Farinelli» herausbrachte, erinnerten mich seine Triller in der Arie «Quell’ usignolo che innamorata» an eine Sottise des Dirigenten Sir Thomas Beecham: «Die hässlichsten Klänge im Tierreich». 15 Jahre später warfen der Musikologe Reinhard Strohm und René Jacobs im Beiheft zu...

Mal ehrlich

Welche Maßstäbe sollte man an einen Sänger anlegen? Zählen Fähigkeiten oder Erfolge? Ich bin für Fähigkeiten, denn was nützt ein Lebenslauf der Superlative, wenn man kaum noch krächzen kann? Allerdings ist der «United States Customs and Immigration Service» (USCIS) da anderer Meinung: Mir wurde gerade ein Visum verweigert.

Ich sollte Basilio in «Le nozze di...

Walzer, Volkslied, Hausmusik

Schon 2009 hatte das Label cpo seine Gesamtedition aller Brahms-Lieder mit der neunten Folge abgeschlossen. Jetzt erscheinen, quasi als später Nachtrag – die Aufnahmen entstanden bereits in den Jahren 1997 bis 2003 –, noch sämtliche Duette und Vokalquartette: insgesamt 12 Opusnummern mit zusammen 80 Liedern. Populär davon sind eigentlich nur die...