Chiaroscuro
Der Seeheld glaubt, er sei durchaus berechtigt, seiner vermeintlich untreuen Braut das Leben zu nehmen. Denn er kann sich dabei – kaum zu glauben, aber wahr – auf eine in Italien noch bis vor wenigen Jahrzehnten gültige Rechtsordnung berufen, in der die Tötung aus Eifersucht zu den Kavaliersdelikten zählte. Jedenfalls bei männlichen Tätern. Regisseur Allex Aguilera lässt im Teatro dell’Opera zu Rom keinen Zweifel daran, worauf eine solche Lizenz hinausläuft: auf die Erbärmlichkeit eines gewöhnlichen Mordes.
Statt daher Desdemona hochdramatisch die Luft abzudrücken, ersäuft der Admiral sie wie eine Katze. Desdemona stirbt elendig, einsam, unspektakulär. Ihr Tod liegt ganz auf der Linie der Beweiskraft des an den Haaren herbeigezogenen Corpus delicti, denn das Taschentuch erweist sich als durch und durch fadenscheinig. Wenn es dennoch die Projektionsfläche für Otellos haltlose Anklage abgibt, dann verbindet sich hier der Machismo des hormonell übersteuerten Wüterichs mit seinem fortschreitenden Realitätsverlust.
Worauf das hinausläuft, daran bleibt in Aguileras Inszenierung kein Zweifel: auf einen Femizid. Black Facing stünde bei einer solch klaren Sicht auf die Zentralfigur dem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Michael Kaminski
Die Artikulation funktioniert anfangs nicht. Noch sind es nur Vokalisen in hoher Lage – wie es eben so klingt, wenn man Jahrhunderte lang in einem arktischen Eisblock eingefroren war. Und auch später, mit wiedergewonnener Sprache, wird sich Ice, so nennt sich die aufgetaute Frau, meist oberhalb des Notensystems bewegen. Es ist ein Fang der geheimnisvollen Art, den...
Diese Düsterkeit ist niederschmetternd. Nachdem Blut geflossen ist wie Wasser, nachdem verraten, betrogen und gemordet wurde, als gäbe es kein Morgen, nachdem Anführer und Herrscher aufstiegen und wieder aus dem Weg geräumt wurden – nach all dem steht das Volk, repräsentiert hier von den sogenannten «Altgläubigen», mit erhobenen Armen da und wünscht sich nichts...
Als sich die antiken Götter und Gestalten zur Ruhe setzten oder, wie man es von prominenten Fußballern kennt, nur noch für eine kabarettistische Spätkarriere taugten, als auch Germanen und romantische Märchenfiguren ihren dramaturgischen Lebensgeist ausgehaucht hatten, da leitete das Bürgertum abermals eine neue Opern-Ära ein. Es genügte nicht mehr, für das...
