Chiaroscuro
Der Seeheld glaubt, er sei durchaus berechtigt, seiner vermeintlich untreuen Braut das Leben zu nehmen. Denn er kann sich dabei – kaum zu glauben, aber wahr – auf eine in Italien noch bis vor wenigen Jahrzehnten gültige Rechtsordnung berufen, in der die Tötung aus Eifersucht zu den Kavaliersdelikten zählte. Jedenfalls bei männlichen Tätern. Regisseur Allex Aguilera lässt im Teatro dell’Opera zu Rom keinen Zweifel daran, worauf eine solche Lizenz hinausläuft: auf die Erbärmlichkeit eines gewöhnlichen Mordes.
Statt daher Desdemona hochdramatisch die Luft abzudrücken, ersäuft der Admiral sie wie eine Katze. Desdemona stirbt elendig, einsam, unspektakulär. Ihr Tod liegt ganz auf der Linie der Beweiskraft des an den Haaren herbeigezogenen Corpus delicti, denn das Taschentuch erweist sich als durch und durch fadenscheinig. Wenn es dennoch die Projektionsfläche für Otellos haltlose Anklage abgibt, dann verbindet sich hier der Machismo des hormonell übersteuerten Wüterichs mit seinem fortschreitenden Realitätsverlust.
Worauf das hinausläuft, daran bleibt in Aguileras Inszenierung kein Zweifel: auf einen Femizid. Black Facing stünde bei einer solch klaren Sicht auf die Zentralfigur dem ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Michael Kaminski
Kann man die Langeweile von dort verbannen, wo sie geboren wurde? Der Parnass war ihre Wiege» – das lässt Jean-Joseph Cassanéa de Mondonvilles Librettist den Gott der Schmähsucht, Momus, gleich im ersten Akt des «Carnaval du Parnasse» fragen. Und damit ist der Startschuss gefallen für einen tollen, die Langeweile vertreibenden Wirbel, in den Götter und Musen in...
JUBILARE
Eine vergleichbare Karriere wie die der Brigitte Fassbaender findet man nur schwer. Egal in welchem Bereich die Mezzosopranistin, Opern -regisseurin, Gesangspädagogin, Rezitatorin, Autorin und Intendantin auch aktiv ist, ihre Arbeit zeichnet sich durch Erfolg, Leidenschaft und Hingabe aus. Begonnen hat ihre Laufbahn im Gesangsfach. Ausgebildet von ihrem...
Als sich die antiken Götter und Gestalten zur Ruhe setzten oder, wie man es von prominenten Fußballern kennt, nur noch für eine kabarettistische Spätkarriere taugten, als auch Germanen und romantische Märchenfiguren ihren dramaturgischen Lebensgeist ausgehaucht hatten, da leitete das Bürgertum abermals eine neue Opern-Ära ein. Es genügte nicht mehr, für das...
