Brillant verfehlt

Schreker: Die Gezeichneten
Berlin | Komische Oper

Hm. So sieht also das «Elysium» aus. Hätte man sich luftiger, seraphischer vorgestellt, in etwa so, wie es Wilhelm Heinse in seinem Roman «Die Insel der Glückseligen» geschildert hat, als einen Ort bacchantischer Verschlingungen. Über die leere Bühne von Rebecca Ringst jedoch, die bereits in den ersten beiden Akten aus nichts als einer kühlweißen, ziemlich weit nach vorn gerückten Wand bestand, tuckert nun eine überdimensionierte Kindereisenbahn mit toten Mädchen und Jungen darin, dreht einige Runden und verschwindet wieder in den Kulissen.

Vom Schnürboden fahren riesige Puppen herab, aus den Kulissen dringt Dampf. Vollkommenes Glück sieht anders aus.

Und nicht zum ersten Mal in diesen knapp drei Stunden theatraler Psychoanalyse aus dem Geiste Otto Weiningers und Sigmund Freuds (und manch anderer Koryphäe auf dem Gebiete der Seelenerkundung) reibt man sich die Augen. Fast scheint es, als habe sich Calixto Bieito dazu entschlossen, den Advocatus Diaboli zu spielen und nicht nur mit sämtlichen Klischees aufzuräumen, die über das Fin de Siècle kursieren, sondern dazu noch den Geist jener «Welt von gestern» auszublenden, in der Franz Schreker seine Oper «Die Gezeichneten» auf ein ...

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Opernwelt März 2018
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Jürgen Otten

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