Blümchenbunt und grottendüster
Hochzeitsglocken in der Wiener Staatsoper! Das heißt, genau genommen ist weniger Geläut zu vernehmen als vielmehr die Mutter aller Ouvertüren – diese allerdings schon beim Eintreffen des Publikums und aus diversen Richtungen. Blech und Trommeln schmettern und knattern die «Toccata» von der Hauptstiege herab: jene Gonzaga-Fanfare, geschaffen für den Herzog von Mantua, die Claudio Monteverdis «L’Orfeo» eröffnet. Im Saal übernehmen Violinen aus der Proszeniumsloge, später auch Blockflöten.
Das Gesangsensemble flaniert in seinen, zwischen Lifeball und Flowerpower angesiedelten Fantasiekostümen durchs Parkett, begrüßt die Premierenbesucher als Hochzeitsgäste des Paares Orfeo und Euridice, posiert lächelnd für Selfies. Ganz am Ende, im improvisatorisch angereicherten Schlussakkord, wird die Fanfare nochmals ihr stolzes Haupt erheben – und La Musica, die den ansonsten original italienisch gegebenen Abend in ihrem Prolog überraschend auf Deutsch und Englisch eingeleitet hatte, verneigt sich stellvertretend für alle. Da hat Orfeo mit erstarrter Leidensmiene bereits sein Schicksal akzeptiert, das ihn als Witwer, zusammen mit der neuerlich leblosen Gattin, in den Himmel versetzt, sprich: ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Walter Weidringer
Nichts Neues im Süden Englands? Von wegen! Das Garsington Opera Festival wartete in diesem Jahr mit einigen Novitäten auf. Bislang hatte es dort lediglich späte Opern von Händel und Vivaldi gegeben; nun blickte man ein Jahrhundert weiter zurück und präsentierte Anfang Juni Claudio Monteverdis favola in musica «Orfeo» von 1607. Dabei profitierten die Festivalmacher...
Allein der erste Satz: zauberhaft. Lakonisch, poetisch, direkt. «Da ist er.» Und dann sein Name. «Herr Harald». Herr Harald hat keinen Nachnamen, aber eigentlich hat er auch keinen Vornamen. Er ist eben – «Herr Harald». Er selbst nennt sich einen Opernliebhaber, aber das ist ein wenig untertrieben, weil Herr Harald von der Musik, die er hört, doch mehr versteht,...
Endlich entdeckt man flächendeckend die Musik von Komponistinnen! Komponistinnen komponierten im Laufe der Jahrhunderte (wenn überhaupt) aus bestimmten sozialen Milieus und Umständen heraus: vor dem 16. Jahrhundert fast gar nicht, im 17. und frühen 18. Jahrhundert als Nonnen musikbeflissener Klöster, im späteren 18. Jahrhundert als Adelige (oder Adel-Assoziierte),...
