Blümchenbunt und grottendüster
Hochzeitsglocken in der Wiener Staatsoper! Das heißt, genau genommen ist weniger Geläut zu vernehmen als vielmehr die Mutter aller Ouvertüren – diese allerdings schon beim Eintreffen des Publikums und aus diversen Richtungen. Blech und Trommeln schmettern und knattern die «Toccata» von der Hauptstiege herab: jene Gonzaga-Fanfare, geschaffen für den Herzog von Mantua, die Claudio Monteverdis «L’Orfeo» eröffnet. Im Saal übernehmen Violinen aus der Proszeniumsloge, später auch Blockflöten.
Das Gesangsensemble flaniert in seinen, zwischen Lifeball und Flowerpower angesiedelten Fantasiekostümen durchs Parkett, begrüßt die Premierenbesucher als Hochzeitsgäste des Paares Orfeo und Euridice, posiert lächelnd für Selfies. Ganz am Ende, im improvisatorisch angereicherten Schlussakkord, wird die Fanfare nochmals ihr stolzes Haupt erheben – und La Musica, die den ansonsten original italienisch gegebenen Abend in ihrem Prolog überraschend auf Deutsch und Englisch eingeleitet hatte, verneigt sich stellvertretend für alle. Da hat Orfeo mit erstarrter Leidensmiene bereits sein Schicksal akzeptiert, das ihn als Witwer, zusammen mit der neuerlich leblosen Gattin, in den Himmel versetzt, sprich: ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt 8 2022
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Walter Weidringer
Ein junger Mann imaginiert sich die Welt – seine Welt; mit der kalten Realität da draußen hat sie nur wenig gemein. Dafür schilt ihn seine Mutter einen Lügner. Dabei hat doch gerade sie ihm als Kind all jene Märchen erzählt, die seine Fantasie so sehr beflügelt haben. Ja, ein Kind ist dieser Mann geblieben, als viril attraktives «Big Baby» stapft er noch immer...
Frau Wilson, zu Jahresbeginn wurden Sie in Stuttgart für die Titelrolle von Vivaldis «Juditha triumphans» gefeiert. Die Produktion konnte erst nach mehreren Anläufen und monatelanger Pause herausgebracht werden. Wie motiviert man sich nach so langer Zeit für die Premiere?
Ich fand es anfangs schwierig, sich wieder zu motivieren. Ich sagte mir zwar: Okay, wir haben...
Was Matthias Goernes neueste CD (aufgenommen bereits 2018) aus der Vielzahl jüngster Liedveröffentlichungen heraushebt, ist das Klavierspiel Daniil Trifonovs. Goerne hat schon immer die Partnerschaft auf Augenhöhe mit Starpianisten gesucht. Aber kaum je zuvor war das Ergebnis so überwältigend wie jetzt mit Trifonov, der einfach alles kann. Sein unvergleichlicher...
