Bis ins Timbre verwundet
Den ausgefuchsten Dramatiker erkennt man am szenischen Rhythmus. Georg Friedrich Händel und sein Librettist Vincenzo Grimani hatten Sinn dafür. In «Agrippina» ist der Kontrast von vierter und fünfter Szene im zweiten Akt einfach brillant. Zuerst schleimt sich das gesamte Personal auf proppenvoller Bühne bei Kaiser Claudius ein. Dann fragt der stets loyale Otto nach seinem Lohn dafür, dass er seinem Herrn das Leben gerettet hat und – wird als Verräter beschimpft. Jetzt geht alles zack-zack: Jede Figur kehrt Otto den Rücken.
Kleine Arien gliedern sich umstandslos in den musikalisch dichten Schlagabtausch ein. «Erhoffe nichts von mir», singt Agrippina – und tschüs! «Ich bin nicht mehr deine Liebste», tritt Poppea nach. «Jetzt brauchst du kein Unglück mehr zu fürchten», grinst Nero. «Der Freund währt nur so lange wie das Glück», lautet das zynische Fazit der Hofschranze Narciso.
Plötzlich ist die Bühne leer. Die fünfte Szene gehört allein Otto und seinem Lamento. Die Wirkung ist monumental durch die vorangegangene Kleinteiligkeit. Bei den Internationalen Händelfestspielen in Göttingen unterstreicht der Regisseur Laurence Dale, von Haus aus Operntenor, diesen umwerfenden Moment noch ...
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Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Jan Brachmann
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