Beissend, bitter
An den Anfang seiner Inszenierung von «Boris Godunow» stellt Richard Jones ein Bild so licht und unschuldig wie aus einem Kinderbuch. Der Vorhang zeigt eine Kinderhand beim Griff nach einem Kreisel. Als dann im Saal die Lichter ausgehen, wird Miriam Buethers klaustrophobisches Bühnenbild enthüllt: Wände schwarz wie Reifengummi, mit der Zarenglocke als Relief.
Auf der zitronengelb gefliesten Galerie im oberen Bühnenbereich sieht man einen Schauspieler in weißem Kinderuniformrock und Knickerbockern, das Gesicht verborgen hinter einem riesigen Puppenkopf: Es ist der achtjährige Dmitri, der jüngere Sohn Iwans des Schrecklichen. Drei Mörder schleichen heran, schlitzen ihm die Kehle auf und schleifen die Leiche fort. Stille. Einer tritt an Godunow (Bryn Terfel) heran, flüstert ihm etwas zu. Erst jetzt heben Fagotte und tiefe Streicher unter Antonio Pappanos Dirigat zu ihrer ersten, langen Klage an, konzentriert, sorgsam artikulierend.
Auf den rechten Ton kommt alles an in der schmucklosen Originalfassung dieser Oper. Auf elektrisierende Weise eigenwillig kann Mussorgskys Instrumentierung von 1869 klingen; rau; fleischig aufgefüllt mit Bratschen, Celli, Bässen, tiefen Holzbläsern und ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Anna Picard
Macbeth
Gleich zwei Schweizer Opernhäuser bringen Verdis Shakespeare-Drama heraus. In Zürich spitzen Teodor Currentzis und Barrie Kosky das Stück dunkel zu (mit Markus Brück in der Titelpartie); in Basel widmen sich Erik Nielsen und Olivier Py Macht und Mord.
Agneta Eichenholz
Ihre Rollen bereitet die Sopranistin stets von langer Hand vor – und entwickelt dabei in...
Es ist das alte Lied. Als die Salzburger Festspiele im August 2000 Kaija Saariahos erste Oper auf die Bühne brachten, kochte eine kapitale Kontroverse hoch. Als esoterischen Klangkitsch kanzelten nicht wenige Beobachter «L’Amour de loin» ab, als kunstgewerbliches Machwerk über den Topos der verbotenen Liebe in mittelalterlicher Troubadour-Lyrik, das wie eine...
Das Erste, was mir an ihm auffiel, war sein Blick: dunkel, brennend, forschend. Dann die Art, wie er sprach, sanft, aber mit Nachdruck. Als ich Peter Maxwell Davies Ende der 1960er-Jahre kennenlernte, ahnte ich: Das ist einer, der jedes Wort meint, das er sagt. Einer, der furchtlos ist. Tatsächlich kannte Max keine falsche Scheu. Nicht im Umgang mit den Kritikern,...
