Entrückt, zeitverloren
Der Captain kratzt sich. Nervös zieht er die Finger den Arm entlang, schabt die Nägel über den Nacken. Das Publikum soll verstehen: Hier will einer aus seiner Haut. Machthunger quält ihn. König Arthur liegt im Sterben, und Königin Ginevra kann das Vakuum nicht füllen – ihre Tage verbringt sie, mit dem Schicksal hadernd, im Bett.
Ein sieches Reich entwirft die österreichische Schriftstellerin Gerhild Steinbuch in ihrem Libretto für Wolfgang Mitterers neue Oper «Marta», die jetzt in Lille uraufgeführt wurde. Es liegt ein Fluch über dem Land.
Der gesamte Nachwuchs ist einem Gemetzel zum Opfer gefallen, das an Herodes’ Kindsmord von Bethlehem erinnert. Einzig Marta konnte entkommen – dank ihrer Mutter, der Königin. Sie versteckte das Kind allerdings nicht, sondern stellte es, verzaubert in eine Puppe, in einem schwarzen Kubus aus. Seither wird Marta vom Volk als Hoffnungsträgerin verehrt.
Dies ist nur eine der gezwungenen Wendungen des Plots, die auch durch die Klassifizierung als «modernes Märchen» nicht unbedingt schlüssiger werden. Mehrere Rückblenden enthüllen das mysteriöse Beziehungsgeflecht der Protagonisten, ein Netz aus Schuld, Schweigen, Machtgier und Traumata. Der Vater von ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Mathias Nofze
In Osnabrück ist der «Lohengrin» Stadtgespräch. Kein Zweifel, das kleine Stadttheater hat Wagners Oper bravourös gestemmt. Schon logistisch ist der Abend beeindruckend. Weil der Graben nicht ausreicht, ist das Orchester auf die Hinterbühne verbannt, und der auf 63 Sängerinnen und Sänger erweiterte Chor wird meist an die Seiten abgedrängt, ohne darum steif zu...
Anfang des Jahres gab’s an der Londoner English National Opera ausnahmsweise was zu feiern. 85 Jahre zuvor hatte Lilian Baylis die Kompanie ins Leben gerufen. Ihr Traum: im Sadler’s Wells Theater einem breiten Publikum die Welt der Oper spannend nahe zu bringen. Doch die Jubiläumsfeierlichkeiten im Januar waren ganz auf die Elite zugeschnitten. Zum Auftakt...
Ein Debüt kurz vor dem 80. Geburtstag, dann auch noch im erweiterten Kernrepertoire – doch, das gibt es, sogar bei Zubin Mehta. Giuseppe Verdis «Un ballo in maschera» hat er bislang nie im Rahmen einer szenischen Produktion dirigiert, bis jetzt, bis zur heftig bejubelten Heimkehr an sein früheres Haus. Und vielleicht muss man sich dabei auch nicht mehr, nach vielen...
