Entrückt, zeitverloren
Der Captain kratzt sich. Nervös zieht er die Finger den Arm entlang, schabt die Nägel über den Nacken. Das Publikum soll verstehen: Hier will einer aus seiner Haut. Machthunger quält ihn. König Arthur liegt im Sterben, und Königin Ginevra kann das Vakuum nicht füllen – ihre Tage verbringt sie, mit dem Schicksal hadernd, im Bett.
Ein sieches Reich entwirft die österreichische Schriftstellerin Gerhild Steinbuch in ihrem Libretto für Wolfgang Mitterers neue Oper «Marta», die jetzt in Lille uraufgeführt wurde. Es liegt ein Fluch über dem Land.
Der gesamte Nachwuchs ist einem Gemetzel zum Opfer gefallen, das an Herodes’ Kindsmord von Bethlehem erinnert. Einzig Marta konnte entkommen – dank ihrer Mutter, der Königin. Sie versteckte das Kind allerdings nicht, sondern stellte es, verzaubert in eine Puppe, in einem schwarzen Kubus aus. Seither wird Marta vom Volk als Hoffnungsträgerin verehrt.
Dies ist nur eine der gezwungenen Wendungen des Plots, die auch durch die Klassifizierung als «modernes Märchen» nicht unbedingt schlüssiger werden. Mehrere Rückblenden enthüllen das mysteriöse Beziehungsgeflecht der Protagonisten, ein Netz aus Schuld, Schweigen, Machtgier und Traumata. Der Vater von ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Mathias Nofze
Ob eine Renaissance der Operette auf deutschen Bühnen bevorsteht oder möglicherweise schon im Gange ist, lässt sich noch nicht eindeutig bestimmen. Einige Signale sprechen dafür, denkt man etwa an die Aktivitäten der Dresdner Staatsoperette, der Komischen Oper Berlin, der Oper Dortmund oder des Labels cpo. Unzweifelhaft aber ist das verstärkte wissenschaftliche...
Neue Musik – nur was für Extremisten, Freaks und Intellektuelle? Noch immer ist das Vorurteil weitverbreitet, doch in der Praxis haben die Aufräumarbeiten längst begonnen. Berührungsängste schwinden. Selbst Dominique Meyer, Chef der in puncto Zeitgenössisches eher verschnarchten Wiener Staatsoper, verordnet seinem Publikum mit Nachdruck neue Töne – und landet mit...
Gestern haben wir uns ein Musical angesehen. Von mir aus wär ich wohl kaum hingegangen, aber eine Freundin hat da mitgemacht. Versteht sich von selbst, dass wir nachher auch hinter die Bühne sind, um ihr vorzuschwärmen, wie sehr wir den Abend genossen hätten. Dabei war’s schrecklich. Einfach grauenhaft – zu lang, zu platt, zu schlecht gemacht. Ich wusste es, die...
