Hunger nach Macht
Sie gilt als eine der machtgierigsten Frauen des alten Rom: Iulia Agrippina, Tochter des Germanicus. Ein Skandal schon die Heirat mit ihrem Onkel, dem Kaiser Claudius, der die Ehe per Dekret legitimieren ließ. Um ihre Position am römischen Hof zu stärken, soll sie einige Male sogar Gift zur Hand genommen haben. Alle Mittel schienen ihr recht, um Nero, ihren Sohn aus erster Ehe, zu Claudius’ Nachfolger zu machen. Sympathisch ist Agrippina nicht – doch umso besser geeignet als Opernfigur.
Kardinal Vincenzo Grimani schuf aus den Legenden um die historische Agrippina ein bitterböses Libretto, in dem es kaum Identifikationsfiguren gibt, so dicht ist das Netz aus Lügen und Intrigen an diesem römischen Hof des Jahres 54 n. Chr. Um 1708/09 komponierte der damals 24-jährige Georg Friedrich Händel eine Oper auf diesen Text, der – oft durchaus komödiantisch – prototypische Strukturen der Macht entlarvt.
Insofern wundert es nicht, dass Regisseur Robert Carsen im Theater an der Wien «Agrippina» aus dem historischen Kontext herauslöst und das Stück stattdessen zur bissigen Parabel auf gegenwärtige Machtmanifestationen formt. Dementsprechend kalt ist das Ambiente von Ausstatter Gideon Davey: Die ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Reinhard Kager
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