Ausgezeichnet
Man sieht es und staunt: Keine Männer in Doppelripp oder Uniform, keine Vergewaltigung, kein Blut. Und auch keinerlei Ersatz mehr für den Sonntagabend-«Tatort». Dabei könnte Alexander Zemlinskys oft autobiografisch gedeuteter «Zwerg» – der Komponist war extrem klein und galt als hässlich – die erschütterndsten Metaphern liefern, etwa für die Ausgrenzung von Schwerbehinderten und Obdachlosen oder die inhumane Behandlung von Immigranten. Aber nichts von alldem wird hier thematisiert.
Regisseur Tobias Kratzer scheint an der Deutschen Oper Berlin davon auszugehen, dass sich Oscar Wilde mit seinem Märchen «The Birthday of the Infanta» und Zemlinsky mit seiner Vertonung etwas gedacht haben, dass die Darsteller deren Intentionen möglichst unverfälscht auf die Bühne bringen sollten und das Publikum schon intelligent genug sein dürfte, Sinn und Bedeutung dieses Musikdramas zu erfassen.
Wie die Sänger mit dieser Form des Theaters klarkommen? Ausgezeichnet. Sie fühlen sich sicht- und hörbar wohl in ihren Rollen. Elena Tsallagova erweckt eine hier arrogante Infantin Clara zum Leben, wie sie abstoßender und anziehender nicht sein könnte – wobei kein eindimensionales Charakterbild entsteht, ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Volker Tarnow
Schmutzige, düstere Schäbigkeit, ein aufgegebenes Hochhaus bietet den Opfern der Geschichte und der zerstörten Natur Unterschlupf. Die Stadt Babylon wurde zerstört, nie wieder soll sie erbaut werden – so zitiert ein «Skorpionmensch», ein Cyborg mit metallenem Stachel, alttestamentarische Propheten zu Beginn der Oper «Babylon» von Jörg Widmann und Peter Sloterdijk....
Ganz verschwunden war sie nie, die abgöttische Verehrung großer Sängerinnen und Sänger. Von der Hysterie, die im 18. Jahrhundert Auftritte des Kastraten Carlo Broschi (Farinelli) oder der Primadonna Francesca Cuzzoni begleitete, bis zum Tenorissimo-Taumel um Enrico Caruso oder zur Assoluta-Verklärung der Callas im 20. Jahrhundert reicht diese frenetische...
In der Musik das Leben der Tschechen!» Bedřich Smetanas Motto markiert schlaglichthaft die Verbindung von Nation und Tonkunst. So schön dies auch klingen mag, so unvermeidlich führt die Formel auch auf vermintes Terrain: das der «Völkerpsychologie» – fatal, weil hier Halbfalsches und Halbwahres ineinandergreifen, wobei gerade Letzteres oft sogar gefährlicher ist....
