Editorial Mai 2019
Ganz verschwunden war sie nie, die abgöttische Verehrung großer Sängerinnen und Sänger. Von der Hysterie, die im 18. Jahrhundert Auftritte des Kastraten Carlo Broschi (Farinelli) oder der Primadonna Francesca Cuzzoni begleitete, bis zum Tenorissimo-Taumel um Enrico Caruso oder zur Assoluta-Verklärung der Callas im 20. Jahrhundert reicht diese frenetische Bewunderung ergebener Fans. Ein Phänomen, das uns, von cleveren PR-Strategen angeheizt, den Typus des allgegenwärtigen Superstars bescherte, jenes Identifikationsobjekts, zu dem man ehrfürchtig aufschaut.
Kinohelden wie James Dean, den coolen, jung aus der Welt gerissenen Rebellen, auf den eine ganze Generation ihre unerfüllten Träume von einem wilden Leben projizierte. Rockbarden wie Jim Morrison oder Elvis Presley, Funk-Soul-Artisten wie Michael Jackson oder Prince, die – lange vor ihrem (teilweise frühen) Tod – zu Ikonen der Popkultur mutierten. Und eben auch weltweit vermarktete Akteure der Oper, die wie Heilige gefeiert werden.
Allerdings regte sich, nicht zuletzt unter dem Einfluss der seit den 1960er-Jahren großflächig rezipierten kritischen Theorie, auch Widerstand gegen die Praxis des schwärmerisch benommenen ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten & Albrecht Thiemann
Hector Berlioz’ Liederzyklus «Les Nuits d’été» ist seit jeher eine Domäne der Frauenstimmen. Aufnahmen von Sängern sind äußerst selten. Das ist erstaunlich, weil in den Rollengedichten Théophile Gautiers stets ein männliches Ich spricht. Berlioz selbst schlug eine Aufteilung auf vier Stimmlagen – Mezzosopran, Alt, Tenor und Bariton – vor, der aber nur Colin Davis...
«Ein Schiff wird kommen», sang weiland Lale Andersen in Sehnsucht nach dem einen, «den ich so lieb’ wie keinen». Einen solchen erträumt sich ja auch Senta in Wagners «Fliegendem Holländer»; in Aron Stiehls Inszenierung an der Wiener Volksoper kommt er allerdings ohne Schiff, dafür quasi als Wiedergänger von Caspar David Friedrichs Wanderer. Man sieht ihn bereits...
Beim Schlendern durch Genuas Gassen stößt man irgendwann auf eine Gedenktafel, die besagt, dass in diesem Haus der französische Dichter Paul Valéry 1892 ein nächtliches Gewitter von apokalyptischem Ausmaß erlebte, welches ihn kathartisch veränderte, als Lyriker verstummen ließ. In «Die Nacht von Genua» hat er die Identitätskrise thematisiert: «Überall Gewitter....
