Editorial Mai 2019
Ganz verschwunden war sie nie, die abgöttische Verehrung großer Sängerinnen und Sänger. Von der Hysterie, die im 18. Jahrhundert Auftritte des Kastraten Carlo Broschi (Farinelli) oder der Primadonna Francesca Cuzzoni begleitete, bis zum Tenorissimo-Taumel um Enrico Caruso oder zur Assoluta-Verklärung der Callas im 20. Jahrhundert reicht diese frenetische Bewunderung ergebener Fans. Ein Phänomen, das uns, von cleveren PR-Strategen angeheizt, den Typus des allgegenwärtigen Superstars bescherte, jenes Identifikationsobjekts, zu dem man ehrfürchtig aufschaut.
Kinohelden wie James Dean, den coolen, jung aus der Welt gerissenen Rebellen, auf den eine ganze Generation ihre unerfüllten Träume von einem wilden Leben projizierte. Rockbarden wie Jim Morrison oder Elvis Presley, Funk-Soul-Artisten wie Michael Jackson oder Prince, die – lange vor ihrem (teilweise frühen) Tod – zu Ikonen der Popkultur mutierten. Und eben auch weltweit vermarktete Akteure der Oper, die wie Heilige gefeiert werden.
Allerdings regte sich, nicht zuletzt unter dem Einfluss der seit den 1960er-Jahren großflächig rezipierten kritischen Theorie, auch Widerstand gegen die Praxis des schwärmerisch benommenen ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten & Albrecht Thiemann
Sommer 1809: Ganz Europa ist von Napoleon besetzt. Französische Truppen stehen in Dresden und Warschau, Triest und Hamburg. Marionetten aus Bonapartes Verwandtschaft regieren in Madrid, Kassel und Neapel. Ganz Europa? Nein, in Parma hält ein Graf Scotti Hof, als sei das Ancien Régime nie untergegangen. Bei dem in der Heimat weilenden Ferdinando Paer bestellt er...
Am Anfang lief alles wie geschmiert. Intendant Alexander Pereira, stets auf der Suche nach neuen Märkten und Geldgebern für das Teatro alla Scala, konnte einen Kontakt mit Saudi-Arabien aufbauen. Ein knappes Drittel des Jahresbudgets der Mailänder Oper von zurzeit 125 Millionen Euro ist durch öffentliche Fördergelder gedeckt, den Rest muss das Haus selbst...
Keine Aneinanderreihung von «Duetten und cavatine usw. usw.» hatte Verdi mit «La forza del destino» im Sinn, sondern eine «Oper der Absichten». Wenn allerdings mit Anna Netrebko und Jonas Kaufmann die größten Stars der Szene antreten, können die Absichten schon mal untergehen. Aficionados sollen in London auf dem Schwarzmarkt mehrere tausend Pfund für eine Karte...
