Überambitioniert
Schmutzige, düstere Schäbigkeit, ein aufgegebenes Hochhaus bietet den Opfern der Geschichte und der zerstörten Natur Unterschlupf. Die Stadt Babylon wurde zerstört, nie wieder soll sie erbaut werden – so zitiert ein «Skorpionmensch», ein Cyborg mit metallenem Stachel, alttestamentarische Propheten zu Beginn der Oper «Babylon» von Jörg Widmann und Peter Sloterdijk.
Nach der Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper gönnt sich die Berliner Lindenoper die zweite Produktion des Werks; und damit das nicht ganz so nachgeordnet und zweitrangig klingt, nennt auch sie sich «Uraufführung» – der zweiten, um 20 Minuten gekürzten Fassung nämlich.
Hier sollen die ganz großen Themen gewälzt werden – oder doch nicht? Nach dem düsteren Vorspann beginnt die Handlung entspannt: Eine Frauenstimme namens «Seele» beklagt in einer langen Arie die Trennung von ihrem «liebsten Freund, ihrem Selbst». Der wiederum, Tammu heißt er und ist ein jüdischer Exilant in Babylon, singt in einer ebenfalls ausladenden Arie von seinem Begehren der Liebespriesterin oder -göttin Inanna, die als gackerndes Mädchen im roten knappen Glitzerkleid auftritt. Mit ihr stimmt Tammu ein langes Duett an, das in die Worte «Wo du ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Peter Uehling
Gaetano Donizettis 1837 für Neapel komponierter «Roberto Devereux» wird meist als Bravourstück für Primadonnen missbraucht. In Karlsruhe drehen Yannis Thavoris (Bühne) und Mark Bouman (Kostüme) nun den Spieß um und blähen das strenge Kammerspiel zum opulenten Historienschinken auf. Die hohe, historischen Räumen nachempfundene Szene wird beherrscht von den Kostümen...
Unheimliche Dinge vernahm man über den Beginn des neuen Werks. Ein ohrenbetäubendes Dröhnen soll bei der Premiere die Plüschbestuhlung im ehrwürdigen Brüsseler Opernhaus zum Zittern gebracht und die Ankunft des Raumschiffs apokalyptisch begleitet haben. Bei der fünften Vorstellung wollte man dem Publikum dann offenbar nicht mehr die volle Dosis des akustischen...
Gehen ohne zu verschwinden. In nächster Nähe sternenweit entfernt. Mit Händen zu greifen und doch unerreichbar. Sprachloser Schwebe ausgeliefert, gefangen zwischen Leben und Tod. So lange der Körper versorgt wird, das Blut pulsiert wie vorher. Vor dem alles entscheidenden Moment, als das Bewusstsein versank in tiefe Nacht. Und mit ihm die Fähigkeit, Kontakt zu...
