Ausgekühlte Tradition
Vor der Uraufführung im Dezember 1905 halfen nur Drohungen. Richard Strauss war enttäuscht über das unzureichende Engagement der Sänger am Dresdner Königlichen Opernhaus und behielt sich vor, die erste Realisierung nach Leipzig oder Wien zu verschieben – zwei Häuser, die schon nach der «Salome» gierten. Dass derselbe Komponist später von Dresden als einem «Dorado für Uraufführungen» sprach und noch acht weitere Musiktheaterwerke hier aus der Taufe heben ließ, erfüllt die Semperoper bis heute mit Stolz.
Die Strauss-Tradition hat mit der Identität des Hauses mehr zu tun als jede andere Facette seiner Geschichte. Sie trägt auch zwanzig Jahre nach der Wiedereröffnung nicht unwesentlich zum Besucherzuspruch bei – und zur Reserviertheit zumindest des Stammpublikums gegenüber manchen neueren Musiktheater-Entwicklungen.
Für die derzeitige Leitung der Semperoper ist die Zentenarfeier der «Salome»-Uraufführung zunächst einmal Garantie für gesteigerte Aufmerksamkeit. In Dresden wird die Kultur des Gedenkens ohnehin wichtiger genommen als anderswo, ist doch mit ihr stets die Erinnerung an einstige Glanzzeiten verknüpft. Unlängst hat dies der 60. Jahrestag der Kriegszerstörung gezeigt. ...
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