Aus dem Trichter gefallen

Putzig und hilflos fällt Sasha Waltz’ «Tannhäuser» in Berlin aus, Daniel Barenboim setzt auf Feinsinn

Wäre doch schön gewesen. Ein «Tannhäuser» aus dem Geist des Tanzes. Einer, der die Brüche des Werks auflöst in Bewegung, den Venusberg in Körperlogik, die mittelalterlichen Wurzeln in ein modernes Darstellungsformat, die Dualismen in einen subjektkritischen Denkhorizont. Der Sängerkrieg als Performance-Kunst. Nach ­allem, was Sasha Waltz bisher gemacht hat, wäre das möglich gewesen. Eine Verheißung. Und, an sich, ein kluges Engagement. Doch Deutschlands erfolgreichste Choreografin bleibt der Welt einen «Tannhäuser» schuldig.



Zu sehen ist eine kreuzbrave Aufführung, die sich von – sagen wir – einer des seligen Wolfgang Wagner nur dadurch unterscheidet, dass eine 18-köpfige Tanztruppe um die Sänger herumhüpft und putzig den Text verdoppelt. Wenn im zweiten Akt von Lust die Rede ist, rubbeln die Tänzer den Tänzerinnen an den Brüsten. Wenn Tannhäuser sich zu Venus bekennt, putzen Frauen ihre Männer am Revers: Wie, du vielleicht auch? Der zweite Akt setzt die Holzrippenverkleidung des Schiller Theaters auf der Bühne fort: ein Society-Event der 50er-Jahre? Das TV-Ballett passt dazu, wobei spastische Zuckungen und gespielte Erschöpfung jegliche Personenführung ersetzen. Die Orgie des ...

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Opernwelt Juni 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Stephan Mösch

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