Aus dem Leben eines Taugenichts
Neulich fuhren wir – das Ensemble aus Robert Carsens «Midsummer Night’s Dream» beim Festival in Aix-en-Provence – mit dem Zug rauf nach Lyon: Die sogenannte Sitzprobe stand an. Kolleginnen, die bisher ausschließlich in Jeans und Schlabberpullis herumschlurften, trugen plötzlich kurze Röcke, High Heels und schichtweise Make-up, um nachher mit dick getuschten Wimpern hinüber ins Blech und sonstwohin zu klimpern – eine uralte Tradition, das ist in jeder Sitzprobe so. Der Mann von Ehre trägt selbstverständlich weiterhin Schlabberpulli.
Zugegeben: Nach drei konsequenten Wochen in Shorts hatte ich immerhin mal wieder eine lange Hose an.
Obwohl wir alle Englisch-Muttersprachler sind, sagen wir das wirklich: sitzprobe. Es ist eines dieser deutschen Worte, für die uns nie etwas Eigenes eingefallen ist. Wie angst. Oder poltergeist.
Meine Brotgeber allerdings – momentan Franzosen – nennen diese Probe die Italienne. Fragen Sie mich bitte nicht, wieso, irgendeine Geschichte wird schon dahinterstecken. Aber ich frage mich doch: Ist das das Bild, das sich Franzosen von italienischen Probenbedingungen machen? Ehrlich? Sänger, die gemütlich herumsitzen und Zeitung lesen dürfen, bis der Dirigent ...
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Opernwelt August 2015
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Christopher Gillett
Dieser Geist durchwehte ja nicht nur Cosimas Bayreuth. Ein Eishauch, der das Werk einfrieren lässt, das doch nie nur Niederschrift ist, sondern dank sich immer weiterentwickelnde Realisierungen als Gegenwart existieren muss. Veränderungen, andere Sichtweisen – alles Teufelszeug. Wagner, Brecht, lange ließe sich die Reihe der Schöpfer und ihrer orthodoxen Gralshüter...
Die Musik ist ein gemischter Salat, angerichtet von vielen Könnern», besagte ein Bonmot neapolitanischer Impresari über die Gattung des Pasticcio. Das beherzigte mitunter auch der geschäftserfahrene Georg Friedrich Händel: Für seine Saison-Menus am King’s Theatre in London rührte er je nach Bedarf und Auslastungszahlen Pasticci aus der neapolitanischen Küche...
Es kommt nicht oft vor, dass ein Regisseur in Glyndebourne zwei Produktionen gleichzeitig laufen hat. Noch dazu Opern mit Sprechtexten: Für das Singspielformat hat sich das englische Publikum nie recht erwärmen können, schon gar nicht im Original. Bei der «Entführung aus dem Serail» trauen sich die meisten ja nicht mal, den deutschen Titel zu benutzen – zu riskant,...
