Auf schmalem Grat
Gefängnisszenen kennt die Oper seit ihren barocken Anfängen, während das Straflager – allen im Totalitarismus angesiedelten «Fidelio»-Inszenierungen zum Trotz – ein Phänomen und Symbol der Moderne ist: Menschen werden anonymisiert, gequält, getötet oder für ihr Leben traumatisiert. Umberto Giordanos «Siberia» ist dafür ein eher konventionelles, der Schlussakt von Dmitri Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk» ein grandios erschütterndes Beispiel.
Und Leos Janácek hat in seiner Dostojewski-Oper «Aus einem Totenhaus» die Dynamik des Massenschicksals in ein völlig neues Musiktheater-Konzept ohne zentrale Helden umgemünzt.
Sicher ist es kein Zufall, dass es sich bei den genannten Beispielen um russische Arbeitslager handelt, in denen zwar Willkür und Tod herrschten, nicht aber primär das Endziel der Menschenvernichtung. Das nationalsozialistische Konzentrationslager dagegen ist als Opernsujet immer noch ein Tabu – gewahrt durch Adornos berühmte Skepsis gegenüber der Wahrhaftigkeit von Kunst nach Auschwitz und die Gefahr einer Verharmlosung des Unvorstellbaren. Was nicht bedeutet, dass es keine Versuche gab, den Holocaust in die Oper zu holen: Nicholas Maws Oper «Sophie’s Choice» etwa ...
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Opernwelt April 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Michael Struck-Schloen
Händel ist heute weltweit der populärste, meistgespielte Opernkomponist vor Mozart. Das zeigt sich Jahr für Jahr auch am enormen Publikumszuspruch bei den Internationalen Händel-Festspielen in Karlsruhe, die im 38. Jahr ihres Bestehens alle Verkaufsrekorde brachen. Die badische Metropole ist damit neben Göttingen und Halle zum dritten Zentrum der deutschen...
Glucks Reformopern begegnet man mit Respekt, aber die Bühne tut sich schwer mit ihnen. Auch wenn sie längst nicht mehr auf «edle Einfalt» und «stille Größe» getrimmt werden, schreckt ihre «verteufelte Humanität» noch immer ab. Dieser Einschüchterung sind im Gluck-Jahr 2014 nur zwei Inszenierungen – Romeo Castelluccis Wiener «Orfeo» und die «Paride ed Elena» des...
Die letzte gründliche Weber-Biografie, verfasst von dem englischen Musikkritiker John Warrack, erschien erstmals 1968. Inzwischen haben die Arbeiten an der neuen Gesamtausgabe unsere Kenntnis von Webers Leben und Werk um zahllose bislang unbekannte Quellen vermehrt. Die Schriften, Tage- und Kassenbücher und die Korrespondenz des Komponisten sowie weitere Dokumente...
