Auf der Kippe
Das Bonmot, dass Tradition nicht die Verehrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers sei, stammt keineswegs, wie oft behauptet, von Gustav Mahler, sondern aus der Wortschatzkammer des französischen Sozialdemokraten Jean Jaurès. Doch natürlich passt die Metapher auch gut nach Wien, wo noch vor nicht allzu ferner Zeit Besucher eine hochrangig besetzte Aufführung von Bergs «Wozzeck» türenknallend verließen. Zeitgenössische Musik musste sich an den großen Opernhäusern der Stadt lange vorkommen wie der Parvenü vom Lande, der alle paar Jahre mal gnädig zum Diner geladen wird.
Auch wenn diese Perspektive sich seit ein paar Jahren etwas zu relativieren schien, da etwa die Wiener Staatsoper zumindest ein zeitgenössisches Stück pro Spielzeit als Neuinszenierung oder gar Uraufführung herausbrachte, sind doch wichtige Werke der Moderne an Wiens ersten Häusern vorbeigegangen, darunter Ligetis «Le Grand Macabre», Messiaens «Saint François d’Assise», Reimanns «Lear» und Adams’ «Nixon in China». Für Pendereckis Musiktheater «Die Teufel von Loudun» reichte es 1973 – dank eines Gastspiels der Oper Stuttgart – immerhin zu einem Kurzbesuch an der Staatsoper.
In die Bresche sprang angesichts ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Gerhard Persché
Forschersinn
Seine Liebe gilt der Alten Musik, ihrer (womöglich) wahren Gestalt. Seit dem Tag im Jahr 1974, als Jordi Savall mit Freunden das Ensemble Hespèrion XX gründete (das inzwischen Hespèrion XXI heißt), sucht der katalanische Musikwissenschafter und Gambist nach den Urklängen, nach dem Historisch-Authentischen. Am 1. August feiert er seinen 80. Geburtstag....
Ab und zu ist da die große Vereinsamung. Dann nämlich, wenn sich die Gruppe der ersten Violinen im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg zum Dienst versammelt und – bis auf eine Ausnahme – nur Frauen an den Pulten sitzen. Geschmunzelt werde in solchen Momenten, sagt Solveigh Rose, Geigerin und Mitglied des Orchestervorstands. Und gern über den «Quotenmann»...
Man spielt die alten Rollen weiter, gibt die Lügen von einst als Wahrheit aus, lässt die Leichen im Keller schmoren. Das wird schon gut gehen, so lange niemand, der dort nicht ohnehin seit Jahren sein Unwesen als Untoter treibt, dieses Horrorhaus betritt und nachfragt. Doch der parsifaleske reine Tor, Student Arkenholz (Yoonki Baek singt die extrem hohe Tenorpartie...
