Auf der Kippe

Die Neue Oper Wien kümmert sich seit drei Jahrzehnten liebevoll um das zeitgenössische Musiktheater. Nun droht ihr von Teilen der Kulturpolitik Ungemach

Das Bonmot, dass Tradition nicht die Verehrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers sei, stammt keineswegs, wie oft behauptet, von Gustav Mahler, sondern aus der Wortschatzkammer des französischen Sozialdemokraten Jean Jaurès. Doch natürlich passt die Metapher auch gut nach Wien, wo noch vor nicht allzu ferner Zeit Besucher eine hochrangig besetzte Aufführung von Bergs «Wozzeck» türenknallend verließen. Zeitgenössische Musik musste sich an den großen Opernhäusern der Stadt lange vorkommen wie der Parvenü vom Lande, der alle paar Jahre mal gnädig zum Diner geladen wird.

Auch wenn diese Perspektive sich seit ein paar Jahren etwas zu relativieren schien, da etwa die Wiener Staatsoper zumindest ein zeitgenössisches Stück pro Spielzeit als Neuinszenierung oder gar Uraufführung herausbrachte, sind doch wichtige Werke der Moderne an Wiens ersten Häusern vorbeigegangen, darunter Ligetis «Le Grand Macabre», Messiaens «Saint François d’Assise», Reimanns «Lear» und Adams’ «Nixon in China». Für Pendereckis Musiktheater «Die Teufel von Loudun» reichte es 1973 – dank eines Gastspiels der Oper Stuttgart – immerhin zu einem Kurzbesuch an der Staatsoper.

In die Bresche sprang angesichts ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Premieren Juli 2021

Diese Übersicht bietet eine Auswahl der bei Redaktionsschluss (8.6.) als Präsenzvorstellung geplanten oder als Stream ange­kündigten Premieren und Festivals des Monats Juli 2021. Weitere Informationen finden Sie auf den Websites der Häuser. Eine Liste mit Kontaktdaten gibt es online unter diesem Link: www.der-theaterverlag.de/serviceseiten/theaterlinks/

ML =...

Weil es ohne Wahrheit kein Glück gibt

Am 9. Mai 2021 wäre sie 100 Jahre alt geworden. Doch Sophie Scholl erlebte nicht einmal ihren 22. Geburtstag. Wie ihr Bruder Hans, weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe «Weiße Rose» und unzählige andere couragierte Gegner des nationalsozialistischen Terrorregimes geriet die kluge, aufgeklärte junge Frau in die Fänge der Gestapo; am 22. Februar 1943 wurden Sophie...

Geschlossene Gesellschaft

Ich war zehn. Ich dürfe, sagte mein Vater, meine Mutter abends in die Operette begleiten: Abonnement-Gastspiel des Städtebundtheaters aus Hof mit dem «Vogelhändler» von Carl Zeller. Ich kannte die Musik, weil im elterlichen Hause viel Operette gehört wurde und, ja, ich mochte sie. Kurzum, ich freute mich auf meinen ersten abendlichen Theaterbesuch. Es sollte der...