Auf dem Sprung
Aufreizend rot locken Seidenkleidchen und Lippen, die schwarzen Haare sind hochgesteckt. Doch wer hier im Carmen-Outfit einherstöckelt, ist die Nebenbuhlerin: Micaëla unternimmt einen der letzten Versuche, ihren Sergeanten herumzubekommen. Als Klischee-Zitat aus dem guten alten Spanien. Doch nicht das Imitat lässt bei Don José die Säfte steigen, sondern eine billige Diseuse. Rissig sind ihre Strümpfe, die Habanera wird lässig verschliffen, überhaupt ist ihr drastischer, glanzloser Gesang denkbar weit entfernt vom landläufigen Mezzo-Gegurre.
Kerstin Descher führt lustvoll eine Anti-Carmen vor. Eine Heruntergekommene, die mit den Insignien dieser noblen Festgesellschaft ihr blasphemisches Spiel treibt: Zum Entsetzen aller küsst sie ein Porträt Francos.
Womöglich ist dies ja eine der letzten Feiern alter Zeitrechnung. Regisseur Lorenzo Fioroni hat Bizets Hit am Theater Augsburg in die Endzeit der spanischen Diktatur verpflanzt. Von draußen tönen Trommeln und Rufe herein, ein Sturm reißt die Fensterläden fast aus den Scharnieren. Und drinnen, im Einheitsraum von Bühnenbildner Paul Zoller, sitzen fein Herausgeputzte an schön gedeckten Tafeln, die mit Argwohn betrachten, welch derbe ...
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Opernwelt Dezember 2011
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Markus Thiel
Georg Philipp Telemann hat in seiner Hamburger Zeit zwischen 1722 und 1738 rund ein Dutzend Opern von Händel aufgeführt. Die Einflüsse des italienischen Stils sind in «Flavius Bertaridus», seinem vorletzten Werk für die Oper am Gänsemarkt, deutlich spürbar. Dass dort auch exzellente Virtuosen tätig waren, belegen die vielen groß angelegten Arien. Nur eine einzige...
Acht Personen, die niemals zusammen auf der Bühne stehen: für ein chorloses fünfstündiges Werk bedeutet das durchaus die Konstellation einer Kammeroper, wenngleich das Getöse der Schmiedelieder und das Schlussduett diesen Aspekt konterkarieren und mit den Schicksalswettern der dritten Orchestereinleitung gleichsam die «Götterdämmerung» ernstlich-eschatologisch...
Die Zeitgenossen waren sich einig, dass ein Fluch über dieser Oper schwebt. Erst hinderte der Tod den Komponisten Jacques Offenbach 1880 an der Vollendung seiner «Contes d’Hoffmann», dann brannte bei der Wiener Erstaufführung die Hofoper nieder, einige Jahre später auch der Ort der Uraufführung, die Pariser Opéra-Comique. Immer ging wertvolles Aufführungsmaterial...
