Auf dem falschen Trip

Immer wieder wurde René Voßkühler als Tenor eingestuft. Auch im Berliner Rundfunkchor, seinem «Hausensemble», sang er bei den Tenören. Dabei fühlte er sich als Bariton viel wohler. Trotzdem riskierte er den hohen Einsatz. Jahrelang. Bis zum Absturz

Opernwelt - Logo

Irgendwann war da nur noch die Angst. Wenn René Voßkühler auf die Bühne musste, folgte sie ihm. Wie ein Raubtier, das jeden Moment zum Sprung ansetzen konnte. Diese Panik vor dem Überfall war das Schlimms­te. Vor einer Attacke aus dem Hinterhalt. Ein permanenter Alptraum, der ihm die Kehle abschnürte. Über jedem Auftritt stand die unausgesprochene Frage: Was ist, wenn die Stimme wegkippt? Irgendwann hielt René Voßkühler die Spannung nicht mehr aus – und begann zu trinken. Um zu entspannen.

Und um die Angst loszuwerden, dieses unsichtbare Tier, das längst Gewalt über ihn gewonnen hatte.

Damals war er Mitte dreißig. Entscheidende Jahre für einen Sänger, der etwas will. Und dem alle bescheinigen, er habe das Zeug für eine Karriere. Schon Siegfried Lorenz, sein erster Lehrer, hatte so etwas geahnt, als ihm der Zehnjährige im Anklamer Knabenchor auffiel – einem Laienensemble, das die vorpommersche Provinz an Wochenenden mit Konzerten beglückte. Lorenz, Vorzeige-Bariton der DDR im lyrischen Fach, kam ab 1973 regelmäßig als «Mentor» nach Anklam. Und erinnerte sich natürlich an Voßkühler, als der ihn ein paar Jahre später in Berlin um Privatstunden bat. Zunächst ohne Ergebnis. Erst 1986 ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2012
Rubrik: Schwerpunkt, Seite 31
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Dekonstruktion der Dekonstruktion

Das Saarbrücker Staatstheater feiert als einziges Opernhaus im deutschsprachigen Raum (Ams­terdam, London und Bologna waren da aufmerksamer) den 60. Geburtstag von Wolfgang Rihm mit einer großen Opernproduktion. Kein Zufall. Zum einen haben die Theatermacher am westlichen Rand der Republik in der zu Ende gehenden Ära von Operndirektor Berthold Schäfer eine...

Metamorphosen

Schwer zu sagen, was hinter den Türen geschieht. Das alte Adelsgeschlecht, so lässt es uns Edgar Allan Poe in seiner Erzählung wissen, hat sich seit Langem abgeschottet von der Außenwelt. Erst als der Regisseur das Licht dimmt und eine Stimme aus einem Brief Rodericks zitiert, fühlt sich auch das Publikum eingeladen, dem «Untergang des Hauses Usher» beizuwohnen....

Trauma und Tai Chi

So ein Wagner-Glück gibt es in Skandina­vien nicht alle Tage: In zwei Städten, die nur ein sechzehn Kilometer schmaler Wasserstreifen trennt, standen «Parsifal»-Premieren auf dem Programm. Man musste nur über den Øresund fahren, jene geschichtsträchtige Meer­enge, die Dänemark von Schweden trennt, um erhellende Vergleiche zwischen den Aufführungen in Kopenhagen und...