Der Gesamtkünstler
Bei den Bayreuther Festspielen hat Christoph Schlingensief 2004 die Optik revolutioniert. Weil er sich nicht bemühte, den «Parsifal» irgendwie neu oder originell zu deuten. Weil er auf alle herme-neutischen Umarmungen des «Bühnenweihfestspiels» pfiff. Weil seine Bühnenräume zum großen und entscheidenden Teil virtuell waren. Weil er nicht eine vorgegebene Geschichte erzählte, sondern viele, sich widersprechende und nicht vorgegebene. Weil er seine Rituale nicht aus dem Mythos oder der christlichen Ikonografie bezog, sondern interkulturell.
Kann man beschreiben, wie Schlingensief arbeitete? Wie er war? Und wie die Ergebnisse seiner Arbeit waren?
Im August 2010 ist er gestorben; im April 2011 fand in Wien ein fünftägiges Symposion statt, das dem «Gesamtkünstler» Schlingensief gewidmet war. Organisiert hat es (noch zu seinen Lebzeiten) das Elfriede Jelinek-Forschungszentrum der Universität Wien, auf dessen Namensgeberin er sich vielfach bezog. «Sie waren sich zu nah und zu fern zugleich», bilanziert Joachim Lux im jetzt vorliegenden Symposionsbericht. Das Buch ist der erste umfassende Versuch einer wissenschaftlichen Darstellung von Schlingensiefs Arbeit und Ästhetik. Es bietet die ...
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Opernwelt Juni 2012
Rubrik: Medien CDs/DVDs/Bücher, Seite 23
von Stephan Mösch
Im nächsten Jahr wird der 200. Geburtstag Giuseppe Verdis gefeiert, da stehen uns wohl eine Menge – und ich fürchte: größtenteils überflüssige – CD- und DVD-Publikationen ins Haus. Dass seine Opern keine Selbstläufer sind, sondern echte Herausforderungen an Sänger, Dirigenten und Regisseure darstellen, belegt das Angebot an historischen und neuen Live-Aufnahmen der...
Mariss Jansons wuchs zwar in der Oper von Riga auf, wo sein Vater dirigierte und seine Mutter die Carmen sang, aber seit er ein Weltstar ist, steigt er nur noch selten irgendwo in den Orchestergraben. Zu lange Probenzeiten, das Herz, fremde Orchester... Wenn es doch klappt, dann meist in Amsterdam. Dort hat die Oper kein eigenes Orchester, und der Maestro kann sein...
Der Konflikt zwischen Trieb und Vernunft ist für die Barockoper paradigmatisch, und er wird allemal zugunsten der Vernunft entschieden. Nicht anders in Händels «Orlando». Die Geschichte vom «Rasenden Roland» – nach dem Versepos des Ariost von 1532 – stellt aber insofern eine Besonderheit dar, als sie das ungeordnet Triebhafte bis ins Extrem manifesten Wahnsinns...
