Am Abgrund
Wenn Maria Callas oder Birgit Nilsson die Turandot auf die Bühne brachten, dann taten sie dies nicht nur in hoheitsvollen Gewändern, die an die Herkunft der chinesischen Kaisertochter gemahnen sollten. Die Primadonnen trugen dabei stets überaus üppigen, artistisch aufgetürmten Kopfschmuck, je nach Inszenierung aus Vogelfedern oder bunten Edelsteinen gewirkt, in jedem Falle der Grandezza und der Unnahbarkeit der Eisprinzessin Ausdruck verleihend.
In seiner Neuinszenierung am Stadttheater Bremerhaven meidet Philipp Westerbarkei zwar jeglichen exotistischen Ausstattungspomp, der an den offiziellen Spielort von Puccinis unvollendetem Schwanengesang gemahnen würde. Dennoch gönnt er seiner Darstellerin der Titelfigur die divenhafte Zierde ihres Hauptes, die sie immer dann präsentiert, wenn sie als öffentliche Figur in Erscheinung tritt. Politisch sind diese Auftritte allerdings keineswegs: Ihr Vater Altoum ist nicht der Kaiser von China, sondern der gräuliche Seniorchef eines schummrigen Revuetheaters – und Turandot der Star des Etablissements, das in den Roaring Twenties zunächst ein Hotspot des hemmungslosen Hedonismus gewesen sein muss. Doch mittlerweile kriselt es gewaltig. In den ...
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Opernwelt November 2024
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Peter Krause
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