Alles ist aus
In seiner Suche nach der Wirklichkeit hinter den begrifflichen Urteilen hat der irische Autor Samuel Beckett den Ort zu einer abstrakten Größe gemacht. Ob Wladimir und Estragon in «Warten auf Godot» an einer Landstraße auf Fortsetzung warten oder Hamm und Clov in «Fin de partie» in einem geschlossenen Raum auf ein Ende, das vielleicht sogar eines sein könnte: Ist es wirklich von Relevanz? Der ungarische Regisseur David Marton scheint jedenfalls der Auffassung zu sein, dass das Offene ebenso zur geschlossenen Anstalt werden kann.
In seiner Inszenierung von Kurtágs Beckett-Oper «Fin de partie» am Theater Basel verlässt er den Raum – aber was heißt das schon? Ausstatter Márton Ágh verlegt die Szenerie auf eine verwinkelte Dachterrasse, konturiert von stillosen Bauten und Bauruinen sowie unzähligen Geländern. Dahinter geht’s in eine unbekannte Tiefe, und noch weiter dahinter ist die Silhouette einer verelendeten Mega-City zu erkennen, im dunklen Dunst oder Nebel, mal mehr, mal ein bisschen weniger. «Alles ist aus», sagt Diener Clov, wenn er von dort das andere Draußen beobachtet. Kann es noch etwas Trostloseres geben, als wenn sich Hoffnungslosigkeit über alle Räume, und damit auch die ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Alexander Dick
Der Horror einer Gespenstergeschichte stellt sich meist ein, wenn das Unheimliche real wird. So auch in Brittens Kammeroper «The Turn of the Screw»: Die Geister Peter Quint und Miss Jessel werden Wirklichkeit, weil sie singen. In der literarischen Vorlage von Henry James haben sie keine Stimmen, und es bleibt offen, ob sie reine Projektionen der Governess sind, die...
Rote Augen hat der Teufel, ganz effektvoll macht sich das im Dunkel des zweiten Akts. Vor allem aber surrt er. Wie Drohnen so sind, wenn sie hereinschweben, Angst, Schrecken (und in diesem Fall auch etwas Schulterzucken) verbreiten: bedrohliche Flugobjekte als ultimativer Grusel, während Chor und Orchester in die letzte Partitur-Steilkurve von Webers Wolfsschlucht...
Eine «sachliche» Oper? Nur zu gern würde man es glauben. Doch allein jene tieftraurige Novelle, die Hindemiths «Cardillac», der seit 100 Jahren mehr oder weniger heimatlos geblieben ist, zugrunde liegt, öffnet die Türen zu einer anderen, ganz und gar phantastischen Realität. Mag der Librettist Ferdinand Lion auch an wesentlichen Stellschrauben von E. T. A....
