Aller Ehren wert
Das war es nun also mit der frohen und friedlichen Herrschaft König Rogers. Dass kein feindliches Heer, keine Machtintrigen aus dem Inneren, sondern ausgerechnet ein Hirte seine Regentschaft beendet und den König nebst Gattin sowie Volk in einen anarchischen Taumel versetzt – wer hätte es gedacht? Mit orthodoxem Pathos in Partitur wie Libretto startet die Chose. Man(n) ist sich einig in den Werten, welche Art von Christentum (konservativ) und was für Liebesbeziehungen (heterosexuell) geboten sind. In prachtvollen Chorälen lässt Karol Szymanowski seine einzige Oper beginnen.
Doch bald stört ein jünglinghafter Hirte das Geschehen, zunächst hört man nur über ihn und seine ketzerischen Gedanken, bald tritt er höchstselbst auf und verdreht des Königs Gattin, den Untertanen und auch dem Herrscher Kopf, Geist und Gefühlshaushalt.
Martin Enger Holm verkörpert diese androgyne Figur mit irrlichterndem Verführungsspiel und singt dazu engelhaft rein. Der zunehmend verstörte König wird von Carl Rumstadt wummernd orgelnd und doch klar interpretiert, Gattin Roxana gibt Pauliina Linnosaari als erst selbstbewusste, dann ins hormonelle Grübeln geratende kühle Blonde. Die Thesen des Hirten sind ...
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Opernwelt November 2026
Rubrik: Panorama, Seite 60
von Jörn Florian Fuchs
Siebte Szene in einer atemlos ablaufenden Folge von 24: Auftritt des somnambulen Cesare in Caligaris Jahrmarktsbude, nachdem der zwielichtige Scharlatan sich selbst als Frontmann einer zweifellos rechtsextremen Rockerband präsentiert hat. Zu seinem Lederzeug, behängt mit abenteuerlichen Klunkern, trägt er feudale Epauletten, wie sie einst der Gründer des Coburger...
Verdis «Il trovatore» zählt nicht zwingend zu den leicht-lockeren dirigentischen Übungen. So verzwickt die Handlung anmutet, so vielschichtig stellt sich auch die musikalische Textur dieses mittleren jener drei düsteren Nachtstücke dar, die der italienische Komponist zwischen 1853 und 1862 schrieb; und wie in den Bühnenwerken «Simon Boccanegra» und «La forza del...
Ein Attentat auf einer internationalen Schule und die Folgen für einige der direkt oder indirekt Beteiligten zehn Jahre danach – Kaija Saariahos Musiktheater «Innocence» trifft mitten ins Herz und ins Gewissen unserer krisengeschüttelten Gegenwart. Dazu die atmosphärisch dichte, gemäßigt moderne Musik: Das ist der Stoff, aus dem heutzutage Opernerfolge gemacht...
