Akkordarbeit
Als Wagner die innere und äußere Dimension des Tristan-Projekts zu spüren begann, bekam er Angst: Den Text könne doch Geibel schreiben und Liszt ihn vertonen, ließ er verlauten, er jedenfalls stünde dafür nicht zur Verfügung. Das klang nach Notwehr. Je mehr die Sache in ihm wuchs, desto radikaler spielte er sie herunter – auch vor sich selbst. Ein «durchaus praktikable(s) Opus» wollte er schreiben und innerhalb eines Jahres fertig haben. Offenbar glaubte er das wirklich. Jedenfalls ließ er den Druck parallel zur Komposition herstellen.
Das bedeutete, dass er sich dazu verpflichtete, kontinuierlich Manuskriptseiten abzuliefern, die dann beim Verlag Breitkopf & Härtel sofort lektoriert und für den Stich eingerichtet wurden. Wagner schickte die fertig gewordenen Teile mit einfacher Post nach Leipzig. Von Sicherheitsmaßnahmen ist nichts bekannt. Das heißt auch: Er hatte beim Schreiben nie größere Abschnitte des Werkes vor sich; außerdem konnte er rückwirkend keine Korrekturen vornehmen. Vielleicht war der enorme Produktionsdruck aber auch gewollt. Vielleicht wäre Wagner sonst doch vor der Strapaze geflohen.
Das so entstandene Autograph hat eine bewegte Geschichte. Es ging aktweise an ...
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Opernwelt Januar 2013
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Stephan Mösch
Vor ein paar Jahren fiel Marie-Nicole Lemieux in Glyndebourne auf, als sie die Mistress Quickly in Richard Jones’ Nachkriegs-England-Version von Verdis Falstaff zur umwerfenden Charakterstudie einer ältlichen Lehrerin und Pfadfinderführerin umformte. Doch die junge Kanadierin ist in vielen Stilen und Kostümen zu Hause, was sie mit ihrem Recital mit Arien und Szenen...
Es kommt einem alles so bekannt vor: Da ist der Verdammte, der vor Ablauf der Frist eine schreckliche Aufgabe erledigen muss; der Vater, der die Tochter verschachert; der Held, der mitansehen muss, wie seine Geliebte einem Unhold verfällt; die Ballade vom «bleichen Mann». Lauter Déjà-vus. Wagners Holländer lässt grüßen, auch Webers Freischütz. Dies aber ist Der...
Der dunkle Bruder des Ruhms ist das Vergessen. Josef Myslivecek, zu Lebzeiten in Italien als «il boemo» verehrt, angereichert gelegentlich sogar durch das Epitheton «divino», geriet nach seinem Ableben (1781 in Rom) sehr schnell in den Schatten Mozarts. Die Musikgeschichte verbog sich sogar zum Gerücht, er hätte beim Salzburger Genie abgekupfert. Dabei war’s eher...
