Abgehoben

Spätromantischer Futurist, theosophischer Apokalyptiker, Avantgardist wider Willen, Schönheitspriester, paranoider Provokateur – der dänische Komponist Rued Langgaard, Schöpfer der Oper «Antikrist», trug zahllose Zeichen eines Universalgenies

Opernwelt - Logo

«Es schadet nichts, auf einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!» Kaum ein geflügeltes Wort Andersens ist in Dänemark so häufig parodiert worden wie diese Stelle aus dem «Hässlichen jungen Entlein». Auch Rued Langgaard lädt dazu ein. Das Künstlerkind wuchs auf in Kopenhagens feinem Viertel Gammelholm – alles außerhalb dieser mondänen, kultivierten Welt betrachtete er fortan als Hühnerhof.

Seine Äußerungen über die Hauptstadt, ja das ganze Land und dessen zeitgenössische Künstler, insbesondere Carl Nielsen, zeugen von einer geradezu hysterischen Geringschätzung. Die dänische Musik nach dem Tod von Niels Wilhelm Gade erschien ihm völlig geistlos, banal und kleinbürgerlich. Stammte Nielsen, das siebte von zwölf Gören, nicht aus einer fünischen Kätnerhütte? Was konnte man von dem Sohn eines Anstreichers und Dorfmusikanten schon erwarten!

Langgaards Eltern hingegen waren echte Künstler, elitär und idealistisch, beide Musiker, der zu religiösen Grübeleien neigende Vater sogar Komponist und Professor. Ihren Sprössling erzogen sie als Genie. Klein Rued hatte keine Spielkameraden, besuchte nie eine Schule, erhielt nur ein paar Musikstunden an einem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2018
Rubrik: Wiederentdeckung des Jahres, Seite 48
von Volker Tarnow

Vergriffen
Weitere Beiträge
Klingende Rede, beredter Klang

Trompeten erschallen mit mutigem Ton und gehen, während daß verwandelt wird, in ein wildes Kriegsgetümmel über, das Orchester fällt ein bei offener Szene und wird von kriegerischen Instrumenten hinter der Szene begleitet.» Keine Frage: Friedrich Schiller wusste ziemlich genau, was er hören wollte zwischen der fünften und sechsten Szene des zweiten Akts seiner...

Wichtige Sängerinnen und Sänger der Saison

Die Inszenierungen, in denen sie auftrat, besaßen wenig oder gar keine Sprengkraft. Umso mehr durfte man sich an der vokalen Virtuosität erfreuen, die Anna Netrebko versprühte – als Maddalena di Coigny im Mailänder «Andrea Chénier», wo sie für «die einsam hohe Kunst der cremigen Phrasierung, hell-licht schwebende Spitzentöne, glühende Piani und gutturale...

Der Horror nebenan

Kaum ein Lyriker wird so sehr mit heimeliger Romantik, gar «von deutscher Seele» (Hans Pfitzner), identifiziert wie Joseph von Eichendorff. Doch das Klischee trügt: Gerade er ist der Dichter des verstörend Vergänglichen, Unheimlichen, und in seiner Welt ist nichts recht geheuer. Zwei Topoi Eichendorffs irritieren denn auch stets aufs Neue: Wasser und Stimmen...