Der Horror nebenan
Kaum ein Lyriker wird so sehr mit heimeliger Romantik, gar «von deutscher Seele» (Hans Pfitzner), identifiziert wie Joseph von Eichendorff. Doch das Klischee trügt: Gerade er ist der Dichter des verstörend Vergänglichen, Unheimlichen, und in seiner Welt ist nichts recht geheuer. Zwei Topoi Eichendorffs irritieren denn auch stets aufs Neue: Wasser und Stimmen stehen gleichermaßen für das bedrohlich Diffuse.
Das Liquide als Basis allen Lebens, das Gestaltlos-Ungreifbare, Erotisch-Verlockende wie Apokalyptisch-Zerstörende, Unaufhaltsam-alles-Überflutende, Verschlingende: die Polaritäten von Nixe und Tsunami. Eichendorff immerhin belässt es gnädig bei tiefer Ratlosigkeit. In «In der Fremde» formuliert er: «Ich hör’ die Bächlein rauschen im Walde her und hin ... Ich weiß nicht, wo ich bin.» Die Fließrichtung selber ist ungewiss, sogar die Naturgesetze scheinen fraglich geworden. Auch von daher kommen die Zweifel an der einstigen narrativen Linearität von Roman, Theater und Film. Gerade der assoziative «Bewusstseinsstrom» ist unkontrollierbar. Zufall ist es demnach kaum, dass gleich fünf neuere Musiktheaterwerke die Fluten thematisieren: Detlev Glanerts «Holzschiff», Olga Neuwirths ...
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