Wuppertal: Wüstenhölle

Else Lasker-Schüler «IchundIch»

Theater heute - Logo

Ein grölender Trupp nationalsozialistischer Kader um Hermann Göring bittet in der Hölle um Pe­troleum-Nachschub. Goethes Marthe Schwerdt­lein serviert gebratene Engelsflügel. Mephisto flambiert die Nazis in einem Lavastrom. Ein gewisser Max Reinhardt versucht in Jerusalem, all das vor König Salomon auf die Bühne zu bringen. Und die jüdische Autorin des intertextuellen Höllentrips beschließt mitten in einem Interview, zu sterben.

Was klingt wie eine neue Reven­ge-Geschichtskorrektur aus der Feder Quentin Tarantinos, nur diesmal auf LSD, ist das viel zu selten gespielte Spätwerk «IchundIch» von Else-Lasker Schüler. 

Mit dem Schauspiel Wuppertal wagt sich endlich wieder ein Theater an das bitterkomische, todtraurige Drama. Intendant Thomas Braus hat daraus sogar ein aufwändiges Mehrsparten­projekt inklusive Minifestival gemacht, das das drastisch unterfinanzierte, tapfer kämpfende Haus allerdings nur über Sponsorengelder stemmen und deshalb auch nur eine Woche lang zeigen kann. 

Die israelische Regisseurin Dedi Baron übersetzt das fiebrige Drama in assoziative Fragmente, Loops, Untergangsbilder, verlorene Choreografien, Gebets- und Trauergesänge. Dafür hat Bühnenbildnerin Kristen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Cornelia Fiedler

Weitere Beiträge
Berlin: Ein einziger Witz

«Ich habe dieses Buch schneller als irgendein anderes geschrieben: & es ist ein einziger Witz; & doch heiter & schnell lesbar, glaube ich; Ferien eines Schriftstellers», schrieb Virginia Woolf im März 1928 in ihr Tagebuch, kurz nachdem sie «Orlando» beendet hatte. Ein einziger Witz – diese Formulierung könnte auch Katie Mitchell in ihrer Inszenierung an der...

Sinceridad is not verdad

Die Stadt ist ein Gefängnis, hatte man mir erklärt, oder: Das Gefängnis ist eine Stadt. Sie heißt Palmasola, und das Theaterstück heißt auch so. 

Der Zug, in den ich am Anfang dieser Reise steige, fährt nach Mailand – an jenen Ort also, dessen Namen ich das erste Mal im Heidi-Anime hörte und für den Namen eines tatsächlichen Staates hielt, in dem die Blumen...

Klima, Kunst und Alter

Dieses Ende droht uns allen: Pflegestation, Zweibettzimmer. Michael Gerber (Lear) und Markwart Müller-Elmau (Gloster), die beiden an ihrem diktatorischen Starrsinn gescheiterten alten Männer, liegen stumm und apathisch im Nachthemd in ihren vollautomatischen Pflegebetten und machen gleichgültig demente Miene zu allem, was um sie herum geschieht. Offenbar...