Wolfram Lotz «Der große Marsch»
Stellen Sie sich vor, das Theater und die Erde wären kleine Punkte auf einem Luftballon in der Hand einer quietschfrechen Göre. Ballon platzt, Mädchen kreischt – der Weltuntergang wäre eine göttliche Wonne. Mit dieser Pointe beginnt die Regieassistentin Antje Schupp den «Großen Marsch». Das ist bemerkenswert frisch. Erstens, weil der im Schwarzwald aufgewachsene Autor Wolfram Lotz Talent hat. Zweitens, weil das Darstellerquartett herrlich unbelastet auftritt.
Drittens, weil die Regisseurin mit einem Text Ballon spielt, der eine Inszenierung auch erdrücken könnte – mit Dutzenden Figuren und einer Handlung, übersichtlich wie eine Gerölllawine. Lotz, eine unüberhörbar selbstbewusste Autorenstimme, will unmögliches Theater möglich machen. Folglich moderiert Nicole Coulibaly, Talkmasterin der Inszenierung, einen Supershootingstar an: den Autor selbst, allerdings verkörpert und vertreten von Nils Amadeus Lange. Der Alias-Lotz entpuppt sich als fahriger Typ. Das Stück ist ihm längst entwischt, dem nächsten Talkgast in die Arme: Josef Ackermann, der Big Bad Banker, der in Basel beichtet, dass er unter der Dusche «La Traviata» trällert. Für diese Opernschwäche kanzelt ihn die ...
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Theater heute Dezember 2011
Rubrik: CHRONIK, Seite 44
von Stephan Reuter
Wie lässt sich die Ilias mit heutigen Kriegen verbinden? Über den Kriegsanlass wohl kaum: Selbst wenn man Michelle Obama oder Carla Bruni die Attraktivität einer schönen Helena
zusprechen würde, dürfte keiner der beiden staatenlenkenden Ehegatten wegen der Entführung seiner Frau sämtliche Verbündeten mobilisieren können für einen gnadenlosen Eroberungskrieg gegen...
Kein Konflikt auf dem Globus zieht mehr internationale Aufmerksamkeit auf sich als der zwischen Israelis und Palästinensern, kaum ein anderer ist so kompliziert, ist bis zur Undurchschaubarkeit verworren. Und doch löst gerade dieser Dauerbrenner unter den weltpolitischen Krisenherden in der internationalen Öffentlichkeit besonders heftige Bedürfnisse nach...
Da kommt zum Beispiel der Ehemann nach Hause: «Die Schlafzimmertür war zu, an der Tür war mit Reißzwecken ein Zettel befestigt, da stand mit Bleistift drauf: ‹Mein Lieber, ehe du ins Zimmer gehst, mach dir bewusst, dass ich mich dort aufgehängt habe. Margret.›»
Das Leben macht schlechte Witze, und die Liebe ist dann meist nur noch ein letztes verklungenes Wort. Ein...
