Wildes Fleisch

nach T.C. Boyle «Das wilde Kind». Von Ulrike Kahle-Steinweh

Ein Klassiker: das Wolfskind, das wilde Kind, Kaspar Hauser. Truffaut inszenierte seinen
berühmten Film «L’enfant sauvage» nach dem historischen Fall des Victor d’Aveyron vom
Ende des 18. Jahrhunderts. Vierzig Jahre nach Truffaut veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle seine Erzählung «Das wilde Kind». In Aalen wird ein Stück daraus.
Eine gepflegte Stimme aus dem Off, die Sätze als Laufschrift auf Gaze, dahinter ein Tisch, ein Stuhl, ein Mensch. Victor wird gespielt, nicht selten nackt, von dem jungen, sehr dicken Max Rohland. Glänzend.

Sein Körper ein Schock: ein Fleischberg, befremdlich wucherndes Fleisch, Brüste, lappender Bauch. Das Gesicht entspannt bis zur Dämlichkeit, der Mund offen. Doch dieser ungeformte Brocken gewinnt schnell die Herzen der Zuschauer, wie er tapsig und widerwillig den Instruktionen seines Lehrmeisters Doktor Itard mal folgt, mal nicht. Wie er die Hand seiner beherzten Betreuerin Madam Guérin erst beißt, sie abwehrt, wie er allmählich zutraulich wird, sich gar an sie schmiegt.

Aus einem Wesen, das weder friert noch Schmerz empfindet, wird durch ständige Fürsorge ein Wesen mit Empfindungen, sichtbaren Gefühlen. Ein Fortschritt? Brot ist ...

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Theater heute Februar 2011
Rubrik: Chronik, Seite 48
von Ulrike Kahle-Steinweh

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