Vom Kopf auf die Füsse

Der 1. Bundeskongress Freier Darstellender Künstler in Stuttgart wünscht sich neue Förderungskriterien in der Verteilungsdiskussion. Von Andreas Jüttner

Das freie Theater schafft sich ab. Jedenfalls wenn es nach der Sarrazinschen Logik geht, nach der sich Fähigkeiten genetisch vererben. Denn freie Theaterschaffende bekommen doppelt so selten Kinder wie der Durchschnitt der Bevölkerung: In ganz Deutschland sind 35 Prozent der potenziellen Eltern kinderlos, unter den frei arbeitenden Bühnenkünstlern sind es 68 Prozent. Doch nur 13 Prozent davon wollen keine Kinder – die anderen fürchten, sie sich nicht leisten zu können wegen ihrer unsicheren Lebensverhältnisse.



Dies ist eine der Zahlenreihen, mit denen Günter Jeschonnek im Theaterhaus Stuttgart beim ersten Bundeskongress der Freien Darstellen Künstler den «Report Darstellende Künste» vorstellte – und zwar eine von denen, die begreiflich machen, warum es bei so einem Kongress zwangsläufig immer wieder ums Geld geht: Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der meisten Künstler ohne feste Anstellung oder feste Förderung sind prekär. Konkret: Rund 40 Prozent von ihnen verdienen im Jahr weniger als 11.000 Euro, schätzt Alexander Opitz, Geschäftsführer des Landesverbandes Baden-Württemberg. In einem Kurzinterview mit der Re­gionalpresse vor dem Kongress sagte ein Teilnehmer: «Im Blick auf ...

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Theater heute Februar 2011
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Andreas Jüttner

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