Wien: 1, 2 oder 3
Man vergisst gern, dass «Der Kaufmann von Venedig» eigentlich eine Komödie ist. Der Handlungsstrang um die reiche Portia, die mittels Kästchenspiel einen geeigneten Mann sucht, könnte aus dem Märchenbuch stammen. Und das aberwitzige Leihgeschäft zwischen Antonio und Shylock, in dem ein Pfund Menschenfleisch als Pfand dient und ein falscher Winkeladvokat am Ende das Recht verdreht, ist Stoff für einen derben Schwank. Das Problem dabei: Shylock ist Jude. Das rückt das Stück, jedenfalls aus heutiger Perspektive, stark in Richtung Tragödie.
Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Im Wiener Volkstheater, wo Intendantin Anna Badora das Stück zum Saisonauftakt inszenierte, stehen die Zeichen stark auf grelle Komödie. Die Bühne (Thilo Reuther) ist eine Mischung aus prolligem Spielcasino und trashiger TV-Kulisse. Venedig präsentiert sich als halbseidenes Zockernest, die Clique um Antonio ist ein unsympathischer Haufen aalglatter Macho-Ragazzi, die sich zu wummerndem Discosound wegshaken, schlechte Witze auf Kosten von Blondinen und Juden reißen und zum Maskenfest als Horrorclowns gehen. Ausgesucht billig auch die Kulisse für die Portia-Szenen: Wie in einer dieser endlosen Gameshows im ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2018
Rubrik: Chronik, Seite 67
von Wolfgang Kralicek
Anfang Mai veröffentlichte die Koalition der Freien Szene ein neues Positionspapier. Den «11 Punkten für eine neue Förderpolitik» war ein deutlicher Appell an die Berliner Kulturpolitik vorangestellt: «Nichts ist erledigt!»
Dass sich die Rhetorik des spartenübergreifenden Aktionsbündnisses, das sich 2012 im Radialsystem gegründet hatte, ausgerechnet in Zeiten...
Könnte es sein, dass zu #MeToo so langsam alles Wesentliche gesagt ist? Nur noch nicht von allen? Das Maxim Gorki Theater geht die Frage zum Saisonbeginn systematisch an. Im Vorprogramm zur neuen Yael-Ronen-Produktion «Yes but No» läuft im kleinen Studio eine Stückeigenentwicklung von Suna Gürler und Lucien Haug zum Thema Adam, die männliche Hauptfigur, unter einem...
Das Hamburger Thalia Theater und die Popmusik, das ist eine nicht erwiderte Liebe. Immer wieder versucht man hier, Inszenierungen entlang von Popsongs zu strukturieren, immer wieder fällt man damit auf die Nase – vergangene Saison unter anderem mit Stefan Puchers Abba-«Tartuffe», Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Rammstein-«Hänsel und Gretel» und Jette Steckels...
