Wiedergeburt aus dem Kaffeesatz
Einen überraschenden Ausgang nahm im Frühjahr 1903 der Prozess gegen die ledige Kindsmörderin Hedwig Otte im schlesischen Städtchen Hirschberg. Das Urteil lautete «nicht schuldig», und schuld daran war nicht zuletzt der Dichter Gerhart Hauptmann auf der Geschworenenbank, der für die Angeklagte plädierte. Noch im selben Sommer entstand das Schauspiel «Rose Bernd», Hauptmanns Gretchen-Tragödie, als genau beobachtete Gesellschaftsstudie über hochfliegende Mädchenträume, männlichen Wankelmut und die Grenzen des guten Willens in einer halbemanzipierten Kleinbürgerwelt.
Der Chemnitzer Schauspieldirektor Enrico Lübbe hat es jetzt am Bayerischen Staatsschauspiel nicht etwa als Kommentar zu aktuellen Kindsmordfällen, sondern als beinahe archaisches Drama über die verhängnisvolle Kollision von Wünschen und Ängsten auf die Bühne gebracht. Dass es für die Titelheldin abwärts gehen wird in den nächsten anderthalb Stunden, daran lässt schon der erste Moment dieser Inszenierung keinen Zweifel. Der kunstvoll arrangierte Parcours aus gefüllten Wassereimern auf schiefer Ebene ergießt sich samt Hauptdarstellerin mit markerschütterndem Schrei der ersten Zuschauerreihe beinahe bis auf den Schoß. Doch ...
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Die Geschichte funktioniert wie ein Kippbild. Je nach Betrachtung ändert sich der Eindruck. Eine Lehrerin sieht rot, nimmt ihre Schüler in Geiselhaft und hält sie mit geladener Pistole in Schach. Der Film «La journée de la jupe» von Jean-Paul Lilienfeld paukt provokativ und polemisch als melodramatischer Thriller mit Migrationshintergrund sein Pensum durch. Dabei...
1993 «100 Jahre CDU», Volksbühne Berlin
«100 Jahre CDU» hat schon einiges, woran man Schlingensiefs Theater wiedererkennen kann. Ein Grundeinfall ist bereits die Show. Die Szenerie ist eingerahmt von schwarzen Hängern mit Lichtpunkten, auf der Bühne steht eine große Showtreppe, die sich drehen kann, vorne links ein Stehpult mit Mikrofon, vorne rechts eine...
Es ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.» Das sagt man so, wenn man sehr traurig ist. Aber auf Christoph Schlingensief bezogen ist dieser Satz, den Elfriede Jelinek unmittelbar nach seinem Tod äußerte, mehr als vage Trauerprosa, die man hinschreibt, um seine Betroffenheit zu zeigen. Vielleicht verkörperte er tatsächlich das Leben. Umfassender als die meisten...
