Weltfußballer

Kleist "Amphitryon" im Staatsschauspiel Nürnberg

Theater heute - Logo

Während Krieg herrscht, geht Anne Lenk ins Fuß -ballstadion. Ihr «Amphitryon», den sie im Nürnberger Schauspielhaus auf die Bühne schickt, kommt nämlich nicht aus der Schlacht, er kommt als Profikicker aus der Tiefe des Raumes, direkt aus der Umkleidekabine, verschwitzt und abgekämpft und glücklich mit dem riesigen Pokal. Er hat gewonnen, freilich nicht gegen die Athener auf leichenübersätem Schlachtfeld: Mit der thebanischen Mannschaft hat er vielmehr Ruhm auf dem grünen Rasen erlangt. Das soll ihm Alkmene nun lohnen mit Liebesnacht und Stolz auf den siegreichen Weltfußballer.

 

Doch die Spielerfrau, natürlich blond und ein bisschen tumb, ist schon befriedigt, da sie sich just mit einem Mann im Bette wälzte, den sie original für ihren Gatten hielt. Ein glattes Foul im Eheleben, denn – bleiben wir ruhig weiter in der Fußballsprache – es handelte sich um ein geschicktes, freilich auch hinterhältiges Täuschungsmanöver von Gott selbst. Jupiter zog sich das Trikot mit der Nummer 10 an, das eigentlich Amphitryon sonst trägt, und drang als Double in dessen heimischen Strafraum vor und ein. Nun steht er da, der mit Glanz, Gloria und Spott bekleckerte Stürmer, betrogen und vor allem nicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 6 2022
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Bernd Noack

Weitere Beiträge
Krieg der Worte

Will ein Theater heute Stücke zum Thema Krieg auf den Spielplan setzen, bieten sich zwei Dramen ganz besonders an. Einerseits die antike Tragödie «Die Troerinnen», in der Euripides nicht die siegreichen Helden des Trojanischen Kriegs, sondern die Frauen der Besiegten sprechen lässt. Andererseits, aus der jüngeren Vergangenheit, «Reich des Todes», in dem Rainald...

Grundlegende Unschärfe

Ein Gespenst geht um in der Schweiz – das Gespenst des Wilhelm Tell. Des Nationalhelden als Freiheitskämpfer, der sich mutig dem fremden Vogt entgegenstellt und dem Hut auf der Stange frech den Gruß versagt. Ein Vorbild für alle unbeugsamen Schweizerknaben, mit nur einem Nachteil: Es ist eine Mystifikation. Tell ist kein Résistance-Kämpfer, kein Rebell und schon...

Könixin der Sprakenheit

So gut hat Richard lang nicht ausgesehen. Keine «bucklicht Giftkröte», kein rachedurstiger Veteran von den Schlacht -feldern der Rosenkriege, sondern eine energische Lady in den besten Jahren rauscht gleich zu Anfang den weißen Bühnenrahmen entlang von rechts nach links. Yvon Jansen trägt und rafft ein vielfach gefälteltes Hosenanzugskleid mit Schleppe in...