«Was ich da verpasst haben soll, ist mir schleierhaft»

Eigentlich wollte Bundestagspräsident Norbert Lammert bei der Verleihung der «Faust»-Preise des Deutschen Bühnenvereins in Essen nur eine schöne Eröffnungsrede halten. Doch dann kam alles anders: ein Gespräch.

Theater heute - Logo

Franz WilleHerr Lammert, Sie haben die «Faust»-Verleihung in Essen nach einer guten Stunde verlassen und mit einem wütenden offenen Brief quittiert. Darin ist die Rede von einem «beliebigen Fernseh-Unterhaltungs­format» und «fernsehgerechten Häppchen». Was hat sie da am meisten aufgeregt?

Norbert LammertDass ausgerechnet der Deutsche Bühnenverein einmal mehr Theaterpreise in Fernsehformaten unter völligem Verzicht auf authentisches Theater verleiht. Meine Kritik ist ja nicht neu.

Ich habe das schon bei der ersten «Faust»-Verleihung vor fünf Jahren geäußert und fühle mich insofern vorgeführt, als meine Teilnahme mit der
Zusicherung verbunden war, man habe das damals kritisierte Format gründlich weiterentwickelt. Die einzige «Entwicklung», die ich feststellen konnte, war die Saalwette.

FWDie Idee, einen Theaterpreis als Bambi-Gala auszurichten, kam ursprünglich vom ZDF-Theaterkanal und seinem Leiter Wolfgang Bergmann. Er hat seit Jahren vergeblich versucht, so etwas beim Berliner Theater­treffen einzuführen. Sein Argument war immer, das Theater müsse gefälligst dankbar sein für die öffentliche Aufmerksamkeit, das ihm das Fernsehen bietet.

LammertEs fällt mir außerordentlich schwer, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2011
Rubrik: Magazin, Seite 63
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Das Schicksal der Ideen

Die Revolution hat tolle Beine und sieht auch sonst sehr gut aus: ein knappes Schwarzes mit passenden High Heels zur perfekten Erscheinung. Zwar kann Xenia Noetzelmann nichts für ihr Äußeres, aber wenn sich die kommunistischen Kader im illyrischen Untergrund wie Models für eine schicke Vernissage präsentieren, wird das Private zwangsläufig po­litisch. Vor allem in...

Whomm! Zoing!

Ein Comic bleibt ein Comic bleibt ein Comic – auch wenn er ohne Sprechblasen auf der Bühne daherkommt. Das heißt: Große Hüllen mit wenig Inhalt sind das eigentlich schon, die man im Theaterhaus Jena bei Rebekka Kricheldorfs Batman-Fortschreibung «Gotham City I»
zerplatzen hört, einer scheinbar ins Unendliche angelegten (mindestens die Teile II und III
werden noch...

Diesseits der Leinwand

Das Heidelberger Schauspiel hat sich in der Zeit des Theaterneubaus darauf verlegt, in
einer der Ausweichspielstätten Hollywood-Klassiker zu reanimieren. Scheint naheliegend zu sein, immerhin ist die Spielstätte ein ehemaliges Kino. Im Fall von «Wer hat Angst vor
Virginia Woolf?» und «Endstation Sehnsucht» war das ein Schlag ins Wasser, weil es die Filme bereits...