Warnung vor dem Munde
Alceste hat eine Portion üble Laune gefrühstückt. Jetzt kotzt er sich aus. Gründlich, wenn auch ohne Grund. Einen Anlass braucht Alceste nicht, prinzipielle Abscheu gegen Freund und Feind genügt völlig, nicht umsonst ist er als Molières «Menschenfeind» bekannt.
Michael Maertens hat für seinen Zürcher Alceste die Misanthropie in der Tat in sich hineingefressen.
Gleich sein erster Auftritt in der Lobby, die Bühnenbildnerin Bettina Meyer mit den gepflegten Scheußlichkeiten der bürgerlichen Hotellerie ausgestattet hat, ist ein Statement: Warnung vor dem Munde! Alceste vernichtet jedwede Umgangsform, die nach Schmeichelei und Etikette riecht. Zielsicher vergrätzt er selbst den einzigen Freund Philinte, den Thomas Loibl konsequent defensiv aufstellt, mit Hang zum Dr.-Watson-Phlegma.
Maertens spielt das aufbrausende Gegenteil. Er wütet die Wand an, er schabt den Weltekel aus allen Stimmritzen. Jeder Satz ein Handkantenschlag. Und jeder heimliche Blick auf die Uhr ein Verrat an sich selbst: Alceste liebt nämlich, wen er hassen sollte. Er wartet auf Everybody’s Darling bei Hofe, die sehr junge und sehr blonde Witwe Célimène (Yvon Jansen). Ihren edlen Waden hechelt die halbe Herrenwelt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2013
Rubrik: Chronik: Zürich Schauspielhaus, Seite 52
von Stephan Reuter
«Minna von Barnhelm» ist gleichsam eine knappe (einen Tag währende) psychoanalytische Kur, die das sächsische Edelfräulein am widerstrebenden Major Tellheim praktiziert: Was hat es denn mit dessen Kriegs-Traumatisierungen wirklich auf sich, wie sehr ist er «verkrüppelt», ein «Bettler», «unglücklich», und ist es denn wahr, dass «ein Unglücklicher gar nichts lieben...
Die Pediküre kann warten. Die Unabhängigkeit nicht.» Der Regisseur maßregelt eine Schauspielerin, die den nächsten Tag mit Kosmetik beginnen will. «Ab neun Uhr wird geprobt, es geht um nationale Interessen!» Ein neues Theaterstück soll entstehen, aus Anlass der Unabhängigkeit des Kosovo. Urplötzlich brach der Auftrag über die staatliche, aber seit Monaten nicht...
Das typische Jelinek-Stück ist erstens eine überlange Textwüste, enthält zweitens keine Dialoge, bringt drittens einen klassischen Stoff mit einem aktuellen Thema zusammen und enthält viertens auch noch ein Selbstporträt der Autorin.
«Schatten (Eurydike spricht)» ist ein typisches Jelinek-Stück. In einem riesigen Monolog schließt Jelinek den antiken Orpheus-Mythos...
