Von Whisky, Cadillacs und Poker
Im Sprechtheater wird traditionell viel geredet, oft zu viel. Aber dann fallen plötzlich Sätze, die ganze Romane überflüssig machen. «Ihr könnts euch nicht leisten, den Mut zu verlieren, ihr könnts euch einfach nicht leisten», ist so ein Satz. Genau genommen bedeutet das: Depression ist Luxus. Soweit muss man erst mal kommen. Wenn der Satz fällt, sind in John Steinbecks «Früchte des Zorns» schon ein paar hundert Seiten vergangen, und die Familiensaga der Joads Ende der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts neigt sich immer tiefer in den Abgrund.
Auf dem Weg von ihrer überschuldeten und von Wind und Sand verwüsteten Farm ins gelobte Land Kalifornien wird alles nur noch schlimmer. Großvater und Großmutter sind nacheinander auf der Fahrt gestorben und verscharrt worden, die Tochter ist hochschwanger, der Schwiegersohn abgehauen, das Auto verreckt, das Geld alle, kein Job in Sicht, kein Dach überm Kopf und nichts zu essen. Was noch fehlt bis zum Ende des Buchs sind eine Fehlgeburt, ein toter Mann, eine Überschwemmung und ein biblisch offenes Ende. Mit Fleiß, christlicher Moral und gutem Willen, so erzählt das uramerikanische Melodram, kommt man in der Wirtschaftskrise nur immer weiter ...
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Theater heute Februar 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Franz Wille
Von den Bankenskandalen des Jetzt in die eigene qualvolle Biografie. An den Münchner Kammerspielen inszeniert Johan Simons «Die Winterreise», musikalisch begleitet von Christoph Homberger, Martin Schütz und Jan Czajkowski. Das große Ganze mit dem Privaten zusammenzudenken, ist etwas, was den Protagonisten in Cristin Königs Farce «Die Wohngemeinschaft» am Maxim...
In jedem Zimmer des alten Bauernhofs, auf dem Franz Xaver Kroetz lebt, steht eine Schreibmaschine, die nur darauf wartet, dass der Dramatiker endlich wieder saftige Dialoge in sie hämmert. Vergebens: Kroetz hat die Dramenproduktion eingestellt. Er mag nicht mehr, es fällt ihm nix mehr ein, und an sich wäre das auch gar kein Problem: Kroetz hat in seinem Leben ja...
Ohne christliche Fest- und Feiertage wäre die Welt friedlicher. Eine schmerzliche Erkenntnis, aber der fränkische Bühnenautor Fitzgerald Kusz zeigt mit seinem neuen Stück «Lametta» einmal mehr, dass es gerade dann, wenn es besinnlich und kontemplativ werden sollte, meist eher besoffen und explosiv zugeht. Die Familie, jener Hort der Gemütlichkeit, wird zum...
