Von Palast zu Palast
Das kleine rote Büchlein, das der ehemalige Palastkoch Hans-Jürgen Schreiber gegen Ende der Performance im Publikum verteilt, ist so ziemlich das Gegenteil einer Mao-Bibel. Zusammengesetzt aus Schlüsselwörtern und Fragmenten, beschreibt es unter anderem den Blick von Ost und West aufeinander: «Sowohl die Chinoiserie als auch ihr Gegenstück, die Européenerie, basierten auf einer oberflächlichen und selektiven Kenntnis des Anderen, die aus einer kleinen Anzahl von Büchern und visuellen Informationen gewonnen wurde.
Vielleicht war es gerade dieses bruchstückhafte Wissen, das dazu führte, dass sich China und der Westen gegenseitig als Märchenland betrachteten.»
Die aus Peking stammende freie Theatergruppe Paper Tiger Theatre Studio um den Regisseur Tian Gebing setzt sich in ihrer performativen Installation «Revolution: Stachel im Fleisch» mit diesem Dialog der Blicke analytisch auseinander. Ursprünglich hatte der einstige Karlsruher Dramaturg Jan Linders die Gruppe beim «Theatertreffen in China» 2017 kennengelernt. Nach seinem Wechsel als Programmleiter zum Humboldt Forum schlug er der mittlerweile nach Berlin gezogenen Gruppe vor, zu einem frei aus den Sammlungen gewählten Objekt ...
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Theater heute Juli 2023
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Eva Behrendt
In den Bühnenschwänken ist die Welt noch in Ordnung – und gleichzeitig völlig aus den Fugen. Sie «handeln vom Konflikt zwischen den Normen bürgerlichen Wohlverhaltens und der heimlichen Neigung, gegen sie zu verstoßen», heißt es im Programmheft zu «Der Raub der Sabinerinnen» am Wiener Akademietheater. Konkret bedeutet das aber leider oft: Anarchie, ja –...
Man wusste nie, wer auftreten würde, auch wenn man die Stücke kannte: der sich selbst gefährdende, doch gut trainierte Seiltänzer; der gewiefte gierige Wolf mit liebenswürdig aasigem Dauergrinsen; der spitzenschuhgestählte Elefant im Porzellanladen; der hypermännliche Naive; der versponnen erzählverliebte und zugleich klug analytische Anekdotiker; der ausgebuffte...
Der israelische Dramatiker Avishai Milstein hat in seinem Stück über den gerade wieder aufflammenden tödlichen Nahost-Konflikt eine junge Cellistin aus dem friedlichen Husum in den Mittelpunkt seiner Fabel gestellt; Alice ist mit dem Orchester, in dem sie spielt, gerade zu Gast in der Gaza-Region. Am Strand, wo sie übt, trifft sie jemanden, der so ähnlich heißt wie...
