Von den Verstörungen

Wenn Ilija Trojanow über Migration spricht, geht es sehr konkret zu: Erfahrungssplitter aus einem Leben nach der Flucht. Auszüge aus seiner Dresdner Rede im dortigen Staatsschauspiel

Theater heute - Logo

Der Flüchtling ist meist Objekt. Ein Problem, das gelöst werden muss. Eine Zahl. Ein Kostenpunkt. Ein Punkt. Nie ein Komma. Weil er nicht mehr wegzudenken ist, muss er Ding bleiben. Es gibt ein Leben nach der Flucht. Doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang. Unabhängig von den jeweiligen individuellen Prägungen, von Schuld, Bewusstsein, Absicht, Sehnsucht. Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch.
···
Einschulung. Er kann einige Wortbrocken, seine Mutter kann einige Wortbrocken.

Gemeinsam stehen sie am ersten Schultag vor der Tür der Rektorin. Sie haben sich verspätet. Klasse 1b, sagt die Rektorin, im zweiten Stock. Sie deutet nach oben. Eine breite Treppe. Als sie in den Gang biegen, wird eine Tür zugeschlagen. Die Mutter klopft an die Tür. Herein! Ein Raum voller Kinder in seinem Alter. Er beginnt sich zu schämen. Die Rede seiner Mutter ein Radebrech. Er kann es nicht besser. Nein, nein, nein, wehrt die Lehrerin mit beiden Händen ab, ich habe schon vier Türken in meiner Klasse. Und scheucht Mutter und Sohn davon. Die Treppe hat beim Hinabsteigen mehr Stufen. Er weiß, was passieren wird. Sie werden wieder zur Rektorin gehen müssen. Er schämt sich noch mehr. Die Rektorin ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2017
Rubrik: Essay, Seite 60
von Ilija Trojanow

Weitere Beiträge
Zeig mir das Spiel vom Tod

Der Wunsch zu sterben kann aus einer kaputten Liebe herrühren oder aus verlorener Hoffnung auf Liebe, nur selten kommt er der Liebe und der Hoffnung zuvor, wie bei den fünf Teenager-Töchtern einer puritanischen Bilderbuchfamilie in Jeffrey Eugenides’ tiefschwarzem Romandebüt aus dem Jahr 1993 «Die Selbstmord-Schwestern», die allesamt in der Blüte ihrer Pubertät aus...

Schwerin: Im Hamsterrad

Erzählt wird vom Ende her. Titelheld Liliom rammt sich gleich im ersten Bild ein Messer in die Brust und verblutet vor dem Eisernen Vorhang, aus dem sich ein Stahlgerippe in die verschnörkelte Neorenaissance-Architektur des Mecklenbur­gischen Staatstheaters schiebt. Ein Hamsterrad vielleicht, das einen nicht mehr loslässt, wie schnell man auch rennen mag. Oder ein...

Innovation in Permanenz

Offensichtlich wollte Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, das richtige Verständnis und die Relevanz der wissenschaftlichen Studie «Das Freie Theater. Die Modernisierung der deutschen Theaterlandschaft (1960-2010)» nicht leichtfertig dem Lektüreprozess überlassen. Henning Fülle «kennt sich allumfassend aus»,...