Foto: Judith Buss
Zeig mir das Spiel vom Tod
Der Wunsch zu sterben kann aus einer kaputten Liebe herrühren oder aus verlorener Hoffnung auf Liebe, nur selten kommt er der Liebe und der Hoffnung zuvor, wie bei den fünf Teenager-Töchtern einer puritanischen Bilderbuchfamilie in Jeffrey Eugenides’ tiefschwarzem Romandebüt aus dem Jahr 1993 «Die Selbstmord-Schwestern», die allesamt in der Blüte ihrer Pubertät aus einer rätselhaften Schwärmerei heraus den Freitod wählen.
Dagegen kann Elvira, vormals Erwin Weishaupt, die Hauptfigur aus Rainer Werner Fassbinders exquisit ausweglosem Seelendrama «In einem Jahr mit 13 Monden», zumindest sagen, sie habe bis zur Geschlechtsumwandlung alles versucht.
Weil der Mann, in den sie sich noch als Erwin verliebt hat, beiläufig sagt, das wäre ja schön, dass er ihn liebe, wenn er nur ein Mädchen wäre, lässt sich der verheiratete Familienvater umoperieren – obwohl er zuvor nicht einmal schwul war – und verliert so Frau und Kind und auch den Freund, den er ohnehin nie besaß. Was dann noch folgt, ist ein Taumeln durch diverse Stadien innerer Auflösung. «Das ist mein Unrecht, dass ich eine Sehnsucht habe», stellt Elvira schließlich erschöpft fest, nicht ganz frei von Selbstmitleid, aber was macht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 38
von Silvia Stammen
Psychopathologie, die den Körpern eingeschrieben wird. Gefühlte Schwäche produziert anmaßende, ihrer selbst nicht sichere Stärke. «nicht schlafen» wurde inspiriert von Philipp Bloms «Der taumelnde Kontinent» sowie der Musik Gustav Mahlers, des spätromantischen Krisen-Diagnostikers aus der Klimazone Sigmund Freuds. In der kulturgeschichtlichen Betrachtung der Belle...
Wer hätte gedacht, dass der Puls der Zeit noch schneller schreibt als Elfriede Jelinek? Ihr Textkonvolut «Wut», angeregt von der Empörung über das Attentat auf «Charlie Hebdo», den Überfall auf den jüdischen Supermarkt in Paris und die folgenden Terroranschläge vom November 2015, stammt noch aus einer Zeit vor der englischen Brexit-Entscheidung, vor der Wahl von...
Auf der Liste der besten Tschechow-Figuren, die nicht von Tschechow sind, dürfte der Frauenarzt Dr. Benrath ziemlich weit oben rangieren. Gespielt von Felix Klare steht er auf der Bühne, ein schlanker, großer Kerl mit schickem Bärtchen, und fixiert mit entschlossen zusammengekniffenen Augen seine selbstrechtfertigende Argumentationskette: Ja, er sei seiner Frau...
