Verrohungskick

Schauspielhaus: Tolstoi «Macht der Finsternis»

Gott thront über allem. Wenn auch nur als Kirmes-Figur auf einem riesigen illuminierten Karussell (Bühne Thilo Reuter). Bereitwillig schließt er die Video-Augen vor seinen sündigen Schäfchen, die auf dem gruseligen Jahrmarkt der Bösartigkeiten zusammengeführt werden in Lew Tolstois Drama von 1886 «Die Macht der Finsternis».

Oder ist er zu gequält? Oder gar ratlos, weil er nicht mehr klarkommt mit der Welt als blinkendem Computerspiel, in der jeder zusammenrafft, was er kriegen kann?

Bei Sebastian Baumgarten am Schauspielhaus Düsseldorf wächst den Protagonisten schon mal Pelz auf Beinen und Armen, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, ein prähistorisches Wesen aus Gier und (Geld-)Geilheit. Besonders Hauptfigur Nikita (Till Wonka als langhaariger Rockstar-Verschnitt), der zwar vordergründig Zweifel anmeldet, aber dann tatkräftig toleriert, wenn der reiche Ehemann seiner Liebhaberin mit Gift um die Ecke gebracht wird. In der Wartezeit hat er sich aber auch schon mit ihrer Stieftochter eingelassen, die leider schwanger geworden ist – weshalb das eigene Baby auch noch erwürgt werden muss.

Der Kindermord ist eine grauslig auserzählte Szene im flackernden, dampfenden Zwielicht am Grab ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2013
Rubrik: Chronik: Düsseldorf, Seite 57
von Dorothea Marcus

Weitere Beiträge
Phantomschmerzen

Kaum eine andere junge deutschsprachige Dramatikerin hat in den vergangenen Jahren einen Debüttext von solcher emotionaler Eindringlichkeit und schnörkelloser Sprachkraft vorgelegt wie die jetzt 28-jährige Azar Mortazavi. Für ihr Mutter-Tochter-Drama «Todesnachricht» erhielt sie 2010 den Else-Lasker-Schüler-Preis. Doch verglichen mit dem Nachfolger «Ich wünsch mir...

Premieren im Februar · On Tour · Suchlauf

Aalen, Theater der Stadt
9. nach Renard, Muttersohn/Poil de carotte (U)
R. Katharina Kreuzhage

Altenburg/Gera, TPT
1. nach Kesselring, Arsen und Spitzenhäubchen
R. Tim Heilmann
15. Rame/Fo, Bezahlt wird nicht
R. Bernhard Stengele
16. Waechter, Die Eisprinzessin
R. Sabine Schramm

Anklam, Landesbühne
22. Dürrenmatt, Die Physiker
R. Wolfram Scheller

Augsburg, SEnsemble Theater
9....

Nach Gutsherrenart

In der selbstreferenziellen Welt der Theaterschaffenden und Theaterkritiker – welche selbst mehr Teil denn kritische Begleiter des Be­triebes sind – scheint es mir gelegentlich am Blick von draußen, am Perspektivwechsel zu fehlen. Die wichtigsten Menschen für Theater, so steht es jedenfalls in den schwurbeligen Intendantentexten, seien die Zuschauer, für die ja...